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Weihnachten mit Bohnhoeffer

Kurz vor Weihnachten habe ich mich dank einer Einladung von der Christophori-Gemeinde in Breslau an Bonhoeffers Gedicht „Von guten Mächten“ erinnert. Diese evangelische deutsche Gemeinde hat vier Buntglasfenster in ihrer Kirche eingesetzt, die vier Märtyrern des 20. Jh. gewidmet sind: Dietrich Bohnhoeffer, Edith Stein, Maksymilian Kolbe und Juliusz Bursche. Zwei katholischen Christen, zwei evangelischen, zwei polnischen und zwei deutschen Bürgern.

Ich nahm die Einladung ganz persönlich an. Dietrich Bonhoeffer ist für mich ein Heiliger seit ich Theologie studiert habe. In den siebziger Jahren hat man in Polen recht wenig über ihn gewusst. Damals herrschte überhaupt ein Synonym, nach dem der Deutsche nur ein schlechter Mensch sein konnte. Für mich als nicht anerkannten Deutschen in Schlesien, der mit der allgemeinen Meinung niedergedrückt war, ist Bonhoeffer eine Rettung gewesen. Er hatte meiner Volkszugehörigkeit einen notwendigen ethischen Anker gegeben. Ich konnte wieder stolz auf meine Abstammung sein.

Ich habe vieles damals über ihn gelesen, aber „Von guten Mächten“ habe ich zum ersten mal gehört, als ich in Kreisewitz (Krzyżowice) zur Beerdigung der Gräfin Ingeborg von Pfeil war. Die Feststellung, dass es Bonhoeffer ist, war nur Freude, keine Überraschung. Die Zeilen passen einfach so sehr zu seinem Leben und seinem Opfer. Vor vier Jahren starb mein Vater. Er hat zuletzt immer weniger gesprochen, er hatte immer weniger Kraft, um den Rosenkranz in der Hand zu halten. Aber auf seinem Nachttisch lag ein Zettel mit dem Gedicht „Von guten Mächten“. Pastor Bonhoeffer hat die Worte verfasst im Jahr 1944 im Gefängnis, aus dem er nicht mehr lebendig herauskam. Das ist der letzte Text, den er uns hinterlassen hat. Meine Mutter sagte, dass das für meinem Vater sein alltägliches Gebet am Sterbebett war. Als er starb, konnten wir uns nicht vorstellen, dass auch bei seiner Beerdigung das Lied nicht gespielt werden könnte. So erklangen in der Kirche im oberschlesischem Guttentag vor vier Jahren zum ersten Mal die Worte Bonhoeffers.

Jetzt werden sie oft in der katholischen Gemeinde in meinem Heimatort gesungen. Das ist vielleicht kein Weihnachtslied, aber ich wünsche allen und mir selber, dass wir den Sinn der Worte am Tag der Geburt Christi in ihrer Tiefe erleben werden:

Lass warm und hell die Kerzen heute flammen,
Die du in unsre Dunkelheit gebracht.
Führ, wenn es sein kann, wieder uns zusammen.
Wir wissen es, dein Licht scheint in der Nacht.

Guttentag, den 16. Dezember 2018

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