Log in

Danziger Platt

Die politische Situation im Land nach dem Unglück, das die Familie und die Stadt nach dem Tod von  Paweł Adamowicz ereilte, wurde noch schwerer. Doch in der ersten Woche nach dem Tod wurde in den Berichten und den eher zurückhaltenden politischen Kommentaren viel über den Stadtpräsidenten als Mensch bekannt. Schon vorher wussten wir, dass er ein offener Mensch ist, was auch die Offenheit für Andere bedeutete.

In Danzig wurde versucht, das Deutsche über viele Jahre auszumerzen, was in dieser Stadt natürlicherweise undenkbar gewesen ist. Schließlich gibt es doch Orte, wo deutsche Inschriften ständig unter der abblätternden Farbe der Fassaden sichtbar wurden. Und doch gab es eine Änderung in der Herangehensweise während der Amtszeit von  Paweł Adamowicz. Die deutsche Vergangenheit wurde nicht mehr aus dem Gedächtnis der Danziger ausgestoßen, im Gegenteil wurde die Identität der Stadt auf ihre kulturelle Vielfalt mit einem starken Akzent auf das Deutsche gebaut. Ohne eine solche Einstellung wäre eine so starke Werbung für Günther Grass, Artur Schoppenhauer oder Fahrenheit nicht möglich. Berühmte Treffen der Danziger versammelten hier doch tausende Deutsche und die Zusammenarbeit mit dem Bund der Danziger war vorbildlich.

Und doch hatte die Einstellung  des ermordeten Stadtpräsidenten zur deutschen Vergangenheit seiner Stadt einen solch persönlichen Charakter, dass es fast unmöglich ist, dies von jemandem zu erwarten, dessen Familiengeschichte mit Wilna verbunden ist. Der ehemalige Seelsorger der Danziger Deutschen, Pfarrer Krzysztof Niedałtowski, erzählte bei einem Treffen der Freunde Adamowiczs am Sonntag nach dessen Beisetzung eine Geschichte, die meine Gedanken stützt. Als ein Fernsehteam nach Danzig kam, dessen Aufgabe es war, Szenen für einen Film zu drehen, der auf einem Werk von Grass (es war vielleicht "Im Krebsgang") basierte, kamen sie auch ins Rathaus. Während eines Gespräches mit Paweł Adamowicz fragte dieser mit Besorgnis, ob die Schauspieler, die Danziger Bürger verkörpern sollen, auch „Danziger Plattdeutsch” sprechen. Und ihn beruhigte nicht die Information, sie würden "Platt" reden, denn Adamowicz meinte, der Hamburger Dialekt unterscheide sich doch sehr von dem Danziger. Er war ein Mann der Tat und setzte sich sogleich mit Pfarrer Niedałtowski in Verbindung und fragte, ob unter den MItgliedern der deutschen MInderheit in Danzig Menschen wären, die noch diesen Dialekt sprechen. Beruhigt, dass es mindestens ein dutzend Damen gibt, die regelmäßig die deutschsprachigen Gottesdienste besuchen und eben im "Danziger Platt" reden, bat er um ein Treffen dieser Damen mit dem Fernsehteam.

Es war für ihn wichtig, dass der Film über Danzig authentisch, wahrheitsgetreu und ohne Fehler auch in der Aussprache entsteht. Eine solche Wertschätzung und Offenheit wird schwer sein zu ersetzen. Und zudem sollten wir versuchen, noch mehr Menschen zu finden, die seinem Beispiel folgen wollen.

Letzte Änderung am Montag, 04 Februar 2019 12:46
Mehr in dieser Kategorie: « Hass ist leicht Entmenschlichung »