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Entmenschlichung

Die Polarisierung in der Politik führte dazu, dass Phänomene, die früher Randerscheinungen waren oder verborgen wurden, zu Eigenschaften der öffentlichen Debatte wurden. Der Begriff "Hasssprache"  machte Karriere, obwohl jeder dies anders versteht und vor allem dessen Grenzen und die eigene Verantwortung anders sieht. Die letzten Ereignisse in Polen zeigen jedoch Elemente der Scham über diese Hasssprache.

Der Soziologe Jarosaw Flis stellte in der letzten Ausgabe der Wochenzeitung "Tygodnik Powszechny" die These auf, dass die kommenden Wahlen diejenigen gewinnen, die die Polarisierung überwinden und Empathie gegenüber ihren Gegnern zeigen. Eine wichtige These, vor allem weil sie auf wissenschaftlichen Untersuchungen basiert. Mich interessierten dabei jedoch mehr die Ergebnisse als die daraus gezogenen Schlüsse. Grund für die tiefen Gräben ist nämlich die Veranlagung zur Entmenschlichung seiner Gegner. Kurz gesagt: werden sie nicht als Menschen mit einer anderen Meinung, sondern als schlechtere wahrgenommen, die im Rang unter einem stehen. Die Teilergebnisse überraschen dabei nur scheinbar. Es ist schwer sie hier detailliert zu besprechen, doch es kommt heraus, dass Entmenschlichung in jeder politischen Gruppierung vorkommt und nie alle ihre Anhänger betrifft. Die Zahlen können dabei überraschen, denn sie widerlegen so einige Mythen. Z.B. entmenschlichen  70 Prozent der Liberalen ihre Gegner, während bei den Anhängern eines zentralistischen und Sozialstaates es nur 40 Prozent sind. Offen gesprochen: am wenigsten entmenschlichen Anhänger der PiS, am meisten Befürworter der Parteien Nowoczesna, der Sozialdemokraten und der Linken. Die anderen Gruppierungen (PO und PSL) befinden sich zwischen diesen beiden Polen. Die Verwunderung wird kleiner, wenn wir hinzufügen, dass anhand der Untersuchungen ganz einfach gläubige Menschen weniger entmenschlichen als weniger gläubige oder gottlose. Noch eindeutiger klingt dann das Zitat: "Besser gebildete Wähler der PiS sehen in ihren Gegner öfter Menschen. Dagegen wird im sog. Lager des Fortschritts klar, je höher die Wähler gebildet sind, desto eher entmenschlichen sie ihre Gegner". Meine Verwunderung wurde noch größer beim Alter der Untersuchten, denn bei den Anhängern der PiS sind die Jüngeren moderater als die Älteren. In den Parteien des Fortschritts dagegen schreitet die Entmenschlichung des Gegners proportional zum Alter voran. Eine andere Wechselbeziehung: Wähler der PiS in den Dörfern sind moderater eingestellt als die aus den Städten. Bei den Liberalen ist es umgekehrt und die "Städter" sind weniger radikal als ihre Kollegen in kleineren Ortschaften.

Generell gibt es aber eine tröstliche Nachricht, dass in jeder politischen Partei mindestens die Hälfte der Wähler keinen Konflikt mag und dabei nicht immer der Meinung ist, dass für dessen Ausbruch nur die Gegenseite verantwortlich ist. Es zeigt sich also ein Bild, das für Polen nicht die breite Masse der Wähler der großen Parteien das Problem ist, sondern deren radikale Leitungsgremien. Dabei dürfen wir nicht vergessen, dass nur Anhänger der polenweiten Parteien untersucht wurden, und nicht der regionalen, wie z.B. der Deutschen Minderheit. Das Interview mit Prof. Jarosław Flis endet mit einer kurzen Frage und einer Antwort: "Und, wie viele Menschen guten Willens gibt es? Mehr. Mehr als zwei Drittel."