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Dorpat und Tallinn in drei Tagen

Näitusel on lugemist, kuulamist ja vaatamist. FOTO: Sille Annuk Näitusel on lugemist, kuulamist ja vaatamist.

Die Ausstellung "In zwei Welten" über die Deutschen, die als Minderheit in 25 Ländern Europas leben, kam bis Dorpat. Bei ihrer Eröffnung in den Räumlichkeiten der Universitätsbibliothek habe ich gesehen, welche Wertschätzung die deutsche Kultur dort erfährt. Und wenn man die alten Zentren der hanseatischen Städte Dorpat und Tallinn sieht, ist ausschließlich Architektur im deutschen Stil zu sehen. Ein Besuch auf einem alten Dorffriedhof auf halbem Weg zwischen beiden Städten bestätigt ebenfalls die deutsche Vergangenheit.

Gespräche mit Deutschen zeugen davon, wie tragisch ihr Schicksal gewesen ist. Sowohl die kleine Gruppe der Deutschen im Baltikum, als auch die größere Gemeinschaft der Wolgadeutschen, die sich zu Zeiten der Sowjetunion in Estland wiederfanden. Allein für ihre deutsche Herkunft wurden sie in den Osten deportiert und wenn hinzukam, dass sie Verbindungen zur westlichen Kultur und ihren Werten pflegten, drohte gar das Lager. Erschütternd war das Gespräch mit Herrn Vladimir Leiman, der eine lange Zeit seines Lebens zwangsweise in Archangelsk verbracht hatte, oder mit Mart Niklus, der im Gulag 16 Jahre verbracht hatte. Im heute demokratischen Estland versuchen sowohl ethnische Deutsche als auch Esten, die in der deutschen Vergangenheit verwurzelt sind, diese Kultur zu bewahren. Das Stadtmuseum zeigt ein Bürgerhaus aus dem 19. Jahrhundert, das im Biedermeier-Stil eingerichtet ist, und betont, dass die Sprache in der Stadt das Deutsche gewesen ist, und zwar vom Mittelalter bis zum 20. Jahrhundert.

Als Theologe bin ich mit Erstaunen am Haus von Adolf von Harnack vorbeigegangen, der bei jedem Studium der Dogmatik nicht fehlen darf. Das abendliche Konzert und der Vortrag, zu dem Esten mit sehr guten Deutschkenntnissen gekommen sind, war dem estnischen Chorlied gewidmet und der Referent wies darauf hin, dass die Chorlieder in der deutschen Liedkultur verwurzelt sind. Dort hörte ich den Satz, dass in jedem Esten zumindest etwas deutsches steckt. Das alles weckte in mir Freude und Stolz.

Das Treffen mit aktiven Mitgliedern der deutschen Minderheit sowohl in Dorpat als auch in Tallinn zeigte das Engagement und leider auch den kummervollen Blick in die Zukunft. Die Emigration der Jugend, die natürliche Estnisierung, aber auch das Fehlen materieller institutioneller Unterstützung von deutscher Seite bei minimalem Engagement mit dortigen Regierungsmitteln führen zum Frust. Wenn nicht schnell etwas geändert wird, könnten die dortigen Deutschen in der Mehrheitsgesellschaft untergehen. Kleine deutsche Gemeinschaften brauchen eine völlig andere Finanzierung und einen anderen Blick aus Berlin, als die großen Minderheiten in Polen, Ungarn oder Russland.

Der Besuch der sonntäglichen polnischsprachigen Heiligen Messe in Tallinn endete neben dem Gebet auch mit einer anderen und doch bekannten Erkenntnis. Nach dem Gottesdeinst standen die Polen vor der Kirche und haben sich untereinander unterhalten, jedoch ausschließlich auf ... russisch. Reisen bildet.