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Geschichte nach den Vertreibungen

Vor kurzem erschien im Wochenblatt.pl ein Artikel über Renten für Spätaussiedler in Deutschland, die bis jetzt wegen ihrer Umsiedlung, die meistens als späte Konsequenz des letzten Kriegs anzusehen ist, in ihren älteren Lebensjahren deutlich benachteiligt sind. Und das trotz ihres arbeitsreichen Lebens zunächst in den Ländern, in denen sie als deutsche Minderheit gelebt haben und später in Deutschland. Einige von ihnen waren zudem noch von Zwangsarbeit und unbezahlter Arbeit betroffen. Nun rückt eine Lösung immer näher, die diesen Menschen würdige Renten bieten soll. Es ist höchste Zeit!

Höchste Zeit ist es aber auch für ein neues Konzept der Unterstützung und Pflege der Kultur der Vertriebenen, die im Zuge der Aussiedlungen aus ihren Heimaten, der Grenzverschiebungen nach dem Krieg und des Verlusts der deutschen Ostgebiete als Schlesier, Pommern oder Donauschwaben die traditionellen kulturellen Beziehungen und die Verwurzelung in ihren historischen Vaterländern verloren haben. Die Bewahrung und Weitergabe der Traditionen, der Geschichte und der Erinnerungen ist das Leitmotiv der Realisierung des sog. Paragraphen 96 des Bundesvertriebenengesetzes. Zum Glück fand sich in dem Leitmotiv letztens auch die deutsche Minderheit wieder als Gemeinschaft, die in den ehemaligen Siedlungsgebieten der Vertriebenen bis heute lebt.

Zum Glück, weil in Deutschland über Jahrzehnte ein ungeschriebener politische Konsens herrschte diese Vergangenheit zu verwischen. Heute sehen immer breitere Kreise, dass für die deutsche Identität und ein vollständiges Bild der Geschichte auch dieser Aspekt wichtig ist. Doch oftmals passiert es, dass bei der Erwähnung dieses Teils der Geschichte als Zäsur das Jahr 1945 fällt und man vergisst, dass in den Herkunftsgebieten der Vertriebenen bis heute deutsche Gemeinschaften leben. Deren Schicksal war oft brutaler, denn ihr Leid dauerte trotz des Kriegsendes länger. Kultureller Ausschluss, sprachliche Diskriminierungen, oft Freiheits-, Besitzverlust und nicht selten auch Tod sowie der Ruin der materiellen Substanz waren ein Teil ihres Lebens.

Die Geschichtsüberlieferung sowohl in den Ländern, in denen wir leben, als auch in Deutschland tendiert aber leider dazu dieses Schicksal zu verschleiern. Daher nahm ich mit großer Freude eine Einladung ins Haus Schlesien nach Königswinter an, um dort gemeinsam an einem Konzept der Realisierung der Leitlinien des Paragraphen 96 zu arbeiten, das die Kultur der gemeinsamen Heimate von Vertriebenen, Ausgesiedelten und der deutschen Minderheiten im Interesse aller Gruppen sowie der Länder und ihrer Gesellschaften, in denen sich diese Gebiete heute befinden, pflegen soll. Eine schwere aber nicht unmögliche Aufgabe. Gleichzeitig ist es eine der Aufgaben, die in vielen Orten Europas immer noch als nicht vernarbte Wunden, nicht erzählte Geschichten, aus der Öffentlichkeit verbannte Persönlichkeiten nicht nur an den Krieg und seine Folgen erinnern, sondern auch an den fehlenden Dialog auf dem geteilten Kontinent. Wenn aus unserer Arbeit in Königswinter und folgenden Treffen ein Arbeits-, Unterstützungs- und Zusammenarbeitsprogramm von Menschen, Institutionen und Vereinen entsteht, beginnt sich diese Lücke dann zu schließen.