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Quo vadis Schule?

Seit einem Jahr beschäftigen wir uns mit der Verringerung der Deutschstunden in den Klassen 7 und 8 der Grundschule aufgrund der neuen Interpretation des Bildungsministeriums. Dies geschieht ungeachtet der bisherigen Praxis und der früheren Interpretationen desselben Ministeriums, das im Jahr 2009 feststellte, dass ein Deutsch lernender Schüler in dem Moment, in dem er eine zweite Fremdsprache wählen soll, auch Deutsch zur Auswahl hat. Somit kann ein Schüler des Gymnasiums und nach der Reform nun der beiden letzten Grundschulklassen sogar fünf Deutschstunden in der Woche haben.

Ich habe provokant "sogar" geschrieben, denn ich bin nicht der Meinung, dass es besonders viel ist, wenn in Deutschland in der Grundschule Englisch (also eine Fremdsprache) im Durchschnitt eben in fünf Unterrichtsstunden wöchentlich unterrichtet wird. Und die Erfahrung zeigt, dass die Ergebnisse recht gut sind. Wieso sollten also unsere Schüler diese Möglichkeit verlieren, vor allem wenn wir von Schülern sprechen, für die die deutsche Sprache ein Element der Identität ist und ihrer Bewahrung dienen soll?

Übrigens regeln dies so die aktuellen Bildungsgesetze. Juristen, darunter auch Juristen des Sejm, haben auf unsere Anfrage den gesetzlichen Status geprüft und über jeden Zweifel festgestellt, dass im Bildungssystem für die Schüler kein Verbot besteht Deutsch- als Minderheiten und als Fremdsprache miteinander zu verbinden. In einem der Gutachten gibt es sogar die Feststellung, dass die Möglichkeit Deutsch als Minderheitensprache lernen zu können, ein zusätzliches Privileg für Schüler aus der konkreten Minderheit ist und damit ihre anderen Rechte auf die freie Wahl des Fremdsprachenunterrichts an einer polnischen Schule nicht beschränken kann.

Die Träger der Schulen stehen heute also vor einem Dilemma. Sollen sie nun der fraglichen Interpretation des Bildungsministeriums folgen oder in Einklang mit der Auslegung der höheren Richtlinien eine Verbindung der Unterrichtsstunden erlauben, die mit Nutzen für die Schüler diesen erlaubt zwei Fremdsprachen - Englisch und Deutsch - besser zu beherrschen. Die Alternative ist leider entweder ein Verzicht auf Deutsch als Minderheitensprache, oder die Wahl einer völlig anderen Sprache als zweite Fremdsprache in der Schule. In beiden Fällen sinkt die Qualität und die Ergebnisse des Spracherwerbs.

In der letzten Woche haben wir es geschafft, die Abgeordneten des Minderheitenausschusses des Sejm zur Einbringung einer Interpelation zu diesem Thema zu bewegen. Das Thema wurde auch während der Gespräche von Vertretern der polnischen und deutschen Regierung zur Neuauflage des sog. Runden Tisches angeschnitten. Wir hoffen, dass diese Schritte dazu führen, dass das Bildungsministerium seine Interpretation zurückzieht. Ungeachtet dessen ist es wichtig, dass die Kommunen und die Schulleitungen dem Druck des Ministeriums standhalten.

Bernard Gaida