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„Wiesenstein“ im Jahr 1945

Die Villa Wiesenstein in Agnetendorf im Riesengebirge. Das Haus von Gerhart Hauptmann Quelle: Schlesisches Museum zu Görlitz, Foto: A. Bormann Die Villa Wiesenstein in Agnetendorf im Riesengebirge. Das Haus von Gerhart Hauptmann

Es gibt Momente im Leben, in denen man zwangsweise mehr Zeit für das Lesen hat. Eines der Bücher, die auf meinem Schreibtisch schon länger gewartet haben, ist ein Roman von Hans Pleschinski unter dem Titel „Wiesenstein“. Ein Roman über die letzte Zeit Gerhart Hauptmanns in Schlesien , das er trotz Einmarschierens der Rotarmisten und der späteren Einsetzung der polnischen Verwaltung nicht verlassen hat.

Der Schriftsteller fängt seine Erzählung in der Nähe von Pirna an, wo das Ehepaar Hauptmann versucht hat, nach der überlebten Bombardierung Dresdens zurück zu Kräften zu kommen, um wieder nach Hause, also nach Agnetendorf bei Hirschberg zu fahren. Die Reise des alten und berühmten Nobelpreisträgers gen Osten mit einem der letzten Züge, die in diese Richtung fuhren, eine Gegenrichtung zu den Flüchtlingen, die immer weiter nach Westen wollten, ist die Beschreibung eines Zusammenstoßes zwischen der Realität und Gedanken des Dichters, der immer an eine Welt der Werte glaubte. Die endlich erreichte Villa Wiesenstein, die sich außerhalb der Stadt, weit von den Hauptwegen und schon über dem Tal befindet , ist für die nächsten Monaten eine Enklave für Hauptmann selbst und seine Angestellten geworden. Immer mehr von der Welt abgeschnitten, informierte er sich nur noch dank Radiosendungen aus Breslau und Berlin, solange dort noch deutsches Programm ausgestrahlt wurde.

Man erlebt alle Dissonanzen zwischen der staatlichen Propaganda und den Erzählungen der Oberschlesier, die als Flüchtlinge auch nach Agnetendorf kamen. Man merkt die kommende Niederlage und die Kosten, die sie mit sich bringt, auch wenn es anfangs noch unrealistisch erscheint: „Auf das Elsass und Oberschlesien konnte das Reich verzichten, ohne dass die Sahne auf dem Kuchen gefehlt hätte.“ Mit der Zeit überlegt auch Hauptmann immer öfter, was er gegen die Verbrechen der Nazi hätte tun können, ob er nicht zur still war, ob er nicht zur nah an den Nazi-Funktionären stand. Er vergleicht seine Stellung mit der von Thomas Mann, aber immer noch ist er sicher, dass er durch die Anwesenheit mit den Werken, Theaterstücken in der deutschen Kultur doch das menschliche im Reich unterstützt hatte.

Der Verlust von Schlesien ist für ihn unvorstellbar, weil für ihn dies keine geografische sondern eine kulturelle Einheit sei. Erst die Worte von Dr. Stanisław Lorenz - „An sich wollen wir hier keine lebenden oder toten Deutschen. Und schon gar keine berühmten. Wir sind in Polen“ - sind eine Wende. Er protestiert: „Wir sind in Schlesien. Meine Heimat. Was machen Sie mit den Einwohnern?“ Und die tragisch kurze Antwort: „Wir evakuieren sie. (…) Je schneller der Eingriff efolgt, desto besser.“ Ein spannender Roman, aber doch auch wahre Geschichte.