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Auftrag in den sozialen Medien

Jeder erinnert sich an den Roman „Die Pest“ von Albert Camus. Die todbringende Epidemie weckte damals wie heute Ängste in medizinischer wie in existenzieller Dimension. Es gibt aber auch weitere Schrecken. Staus an den Grenzen, Verbote, die Häuser zu verlassen, Anwesenheitskontrollen unter der angegebenen Adresse, die Selbstorganisation der Gesellschaft bei gleichzeitiger Leistungsunfähigkeit der Regierung sind für die junge Generation neue Erfahrungen. Doch geschlossene Grenzen in unserem Teil Europas waren vor 30 Jahren noch keine temporäre Verschärfung sondern die Norm. Das Verbot von Auslandsreisen, ein Leben unter Kontrolle des Staates, Verbot von Versammlungen waren die Norm des sozialistischen Systems. Und das führte schließlich zur wirtschaftlichen Misere, Reglementierung von Waren und … Entwürdigung der Bürger. Der Fall dieses Systems wurde erkauft mit dem Tod vieler Menschen in vielen Ländern.

Wir können stundenlang von der damaligen Zeit erzählen - deshalb sollte man mit Bedacht Beschränkungen auferlegen und hinnehmen, da sie die Standards der Staatsformen ändern können. Man hört schon jetzt Befürchtungen, dass die Verschärfungen, die im Grunde Beschränkungen der Bürgerrechte sind, wegen der jetzigen Situation zur Norm werden könnten. Sie könnten von Politikern und Parteien ausgenutzt werden, die in dieser Krisenzeit ihre Chance sehen könnten, ihre Position zu stärken, auch gegen den Willen der Gesellschaft. Das betrifft nicht nur Polen. Es wird gemunkelt, dass Premierminister Orban sich die Möglichkeit sichern will, mithilfe von Dekreten regieren zu können. Dagegen ist die Entscheidung der Partei PiS vom vergangenen Samstag, die unter dem Mantel des so nötigen Rettungspaketes für die Wirtschaft Lösungen einführte, um behaupten zu können die Präsidentenwahl im Mai wäre möglich, ein klarer Beweis dafür. Sie riskiert ein so nötiges, wenn auch schwaches  Paket für die Wirtschaft für die eigenen Interessen der Partei.

Die und andere Situationen zeigen, wie einfach es durch totale Isolation ist nicht nur die Wirtschaft zu zerstören, sondern auch die Demokratie. Je mehr Isolation der Staat einführt, desto mehr muss man ihm auf die Finger schauen.  Und dann sieht man, wie wichtig soziale Medien sind. Von dort erfahren wir von immer neuen Bürgermeistern, die sagen, dass sie in Zeiten der Epidemie in ihren Gemeinden die Wahlen nicht organisieren werden.  In die Netzwerke wandert auch die Seelsorge. Es entstehen Gebetgruppen, zum Standard wird die Übertragung der Heiligen Messen über Facebook und youtube.

In normalen Zeiten gibt es bei uns Pfarrgemeinden, in denen trotz Bedarf die deutschsprachigen Messen nicht gelesen werden und nun haben wir eine ganze Palette. Zu einem wahren Hit wurde das gemeinsame Gebet um 20.00 Uhr über die Seite  streaming.airmax.pl/kamienslaski. Dort beten zusammen mit Pfr. Dr. Peter Tarlinski über 2000 Menschen nicht nur aus Polen, Deutschland oder Österreich, sondern auch aus Tschechien, der Slowakei und dem ukrainischen Odessa.

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Geschlossene Kirche

Die Tendenz, über die Corona-Pandemie zu schreiben, ist wirklich sehr groß. Das Außergewöhnliche dieser Sitaution erinnert an andere außergewöhnliche Analogien. Geschlossene Kirchen oder Kirchen ohne Eucharistie sind ein Schock, den wir so aus unserem Leben sowie der Geschichte der Kirche nicht kennen. Im Gegenteil. Je schwieriger es wurde und je größeren Schrecken die Realität bei den Menschen erweckte, desto wichtiger wurde die Kirche.

Als ich am Samstag bei einem Gespräch mit einem Historiker diesen nach ähnlichen Fällen aus der Vergangenheit gefragt habe, hörte ich, dass es Zeiten gab, in denen während der Pest bestimmte Personen nicht in die Gotteshäuser hinein durften, doch es war nie so, dass die Bischöfe zum Wegbleiben aus der Sonntagsmesse oder deren Zelebrierung ohne die Gläubigen aufgerufen hätten. Vieles um uns herum geschieht nun zum ersten Mal und gewiss werden noch viele weitere Dinge zum ersten Mal geschehen. Jedoch gerade aus der Geschichte kam mir eine Erzählung in den Sinn, die den Schmerz zeigt, wenn man nicht zur Messe gehen kann.

Vor vielen Jahren traf ich in Arnoldsdorf eine Deutsche, die dort das Ende des Krieges erlebt hat. Sie erzählte, dass die Bewohner für viele Monate in die dortige Schule gesperrt wurden, die durch einen Zaun zu einem Lager umfunktioniert wurde. So mussten sie Platz machen für die aus dem Osten Polens ankommenden sog. Repatrianten. Hinter dem Zaun dieses in der Dorfmitte gelegenen Lagers beobachteten sie täglich das im Dorf aufblühende „neue” Leben. Sie sahen neue Bewohner, hörten ihre Gespräche, dachten nach, wer von den Beobachteten ihr Haus eingenommen hat, in ihren Betten schläft, in ihrer Küche isst, während sie, mehrere hunderte Menschen, nebeneinander in den Klassenzimmern lagen und ihnen als Essen eine dünne Suppe und etwas rationiertes Brot reichen musste. Psychisch machte sie ein Schicksal fertig, das sie so nicht kannten. Angeblich sollten sie ausreisen, doch wohin, wenn monatelang nichts geschehen ist. Sie vegetierten inmitten einer aufblühenden polnischen Realität vor sich hin.

Das schlimmste Erlebnis gab es aber im Winter und es ging nicht um die Kälte, die ihnen zu schaffen machte. Am schlimmsten war das Weihnachtsfest, als sie die festlich gekleideten Polen auf dem Weg zu den Gottesdiensten gesehen haben. Ihnen, den Deutschen, wurde der Kirchgang trotz Bitten verweigert, denn angeblich gab der Pfarrer nicht sein Einverständnis. Die Tränen waren ihr Gebet, als sie die Orgel und den aus der Kirche kommenden Gesang hörten. Weinend sangen sie in den Klassenzimmern ihr „Stille Nacht”. Der Schmerz jedoch, der ihre Herzen brechen ließ, blieb über Jahrzehnte.

Meine Gesprächspartnerin weinte bei der einfachen Erinnerung an die Zeit. Von diesem Schmerz höre ich dieser Tage von einigen unter uns.

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Diebe des Geistes

In der vergangenen Woche wurde der Philosoph und Ideenhistoriker Marcin Król Held eines der wichtigsten Gespräche in der polnischen öffentlichen Debatte. Er meinte, die größte Schuld der Vertreter der Regierungspartei sei es, dass sie zu Dieben des Geistes wurden. Sie wurden zu denjenigen, die versuchen, aus Menschen eine gedankenlose Masse zu machen. Deswegen berauben sie die Menschen einer wirklichen Verbindung zur Tradition, des Patriotismus und der nationalen Kultur.

Prof. Król sagte dies, obwohl wir es seit Jahren mit einem Ausbruch von vermeintlich patriotischen Inhalten zu tun haben. Er deutete also indirekt auf den grundlegenden Unterschied zwischen einem authentischen Patriotismus und dem Nationalismus hin. Der Philosoph unterstrich in seinen Überlegungen zum Niveau der politischen Klasse, nicht nur in Polen, dass es an Politikern fehle, die in sich Intelligenz, geistige Entwicklung und Wirksamkeit vereinen würden. Als Beispiel eines Politikers, der all diese Fähigkeiten besaß, nannte er Otto von Bismarck. In ihm hat er sowohl Geduld (20 Jahre des Wartens auf seine Zeit), als auch die Liebe zur Kunst (Umgang mit Poesie) und eigene Visionen gesehen. Uns Deutschen sollte diese hohe Bewertung für den deutschen Politiker und Reformer, der wirksam einen modernen und gerechten Staat mit einem Sozialsystem und einer allgemeinen Schulpflicht aufgebaut hat, nicht entgehen.

Prof. Król sprach über Polen, doch es ist leicht, Analogien zur Situation in Deutschland zu finden, vor allem, als er die oppositionellen Kandidaten für das Präsidentenamt kritisierte und meinte, sie seien ausdruckslos und wiederholen den völlig unrealistischen Slogan "Präsident aller Polen sein zu wollen". Es ist für die Wähler demotivierend, wenn sie in einem gespaltenen Land unrealistische Signale vom Kampf um alles hören, statt vom Ringen um eine klare Mehrheit. Auch in Deutschland bezeichnen sich die meisten als Politiker der Mitte, dabei erwarten doch die Wähler, dass die einen sozialdemokratisch und die anderen konservativ sind, dass sie sich unterscheiden, um eine Wahl zu haben und nicht eine ideenlose Mitte zwischen den Extremen bilden.

Das scheint ein deutscher ungewollter Diebstahl des Geistes zu sein, der auch dort einen wirklichen Patriotismus, Verbindung zu Tradition und nationaler Kultur raubt. Hier können wir, zumindest teilweise, die Gründe in verwundernden symbolischen Ereignissen sehen, wie der hohen Wahrscheinlichkeit, dass einerseits in Gelsenkirchen ein Denkmal Wladimir I. Lenins errichtet wird, andererseits der Berliner Senat Paul von Hindenburg aus der Liste der Ehrenbürger streichen ließ.

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Präsidentschaftswahl. Gehen oder nicht?

Mit Erstaunen bekomme ich seit einigen Tagen in meinem Bekanntenkreis die im Titel enthaltene Frage mit: Wieso sollte ich an der Präsidentschaftswahl teilnehmen? Mit Erstaunen, denn ich dachte, es sei offensichtlich, dass bei der derzeitigen bedeutenden ideologischen Zerrissenheit jeder mündige Bürger zur Wahl geht. Die Argumente, der Wahl fernzubleiben, sind meistens abgedroschen und klingen wie diese: "Sie sind doch alle gleich", "es geht doch nur um Geld", "was ändert das?" usw. Als ich aber im Internet gelesen habe, dass es doch die Sache der Polen sei und es uns, die Deutschen, nicht interessieren sollte, habe ich mich entschieden, etwas zu diesem Thema zu schreiben.

Ich beginne damit, dass der derzeitige Präsident Andrzej Duda, dem man Passivität beim Unterzeichnen von Gesetzen aus dem Sejm vorwirft, gerade im Fall der Rechte der nationalen Minderheiten sein Veto eingelegt hat. Es war die erste Gesetzesnovelle, die der Präsident mit Erfolg blockiert hatte. Die Novelle des "Gesetzes über nationale und ethnische Minderheiten" sah nach Jahren der Vorbereitungen Erleichterungen bei der Verwendung der Hilfssprachen vor, z.B. durch deren Einführung auf der Kreisebene der Kommunen. Sie sollte den Grundsatz einführen, dass Vertreter einer Minderheit bei der Wahl des Leiters einer Schule, in der die Minderheitensprache gelehrt wird, teilnehmen dürfen. Auch andere Erleichterungen sollten ermöglicht werden. All die Änderungen wurden durch den Sejm und den Senat angenommen ... fielen aber in letzter Instanz durch. In einem anderen Fall baten wir den Präsidenten, sein Veto einzulegen, als Richtern mit doppelter Staatsbürgerschaft die Ausübung des Berufes verboten wurde. Der Präsident hat hier sein Recht nicht genutzt.

Allein diese Beispiele zeigen, wie wichtig es ist, wer Präsident ist und welche Ansichten er in Bezug auf die Position der nationalen Minderheiten sowie die kulturelle Vielfalt vertritt. Wir wissen gleichzeitig, dass die nationalen Minderheiten in Polen gerade einmal 2% der Bevölkerung ausmachen. Wenig. Das führt dazu, dass die Probleme der nationalen Minderheiten nicht zum politischen Mainstream gehören und man im normalen Diskurs nicht erfährt, was die einzelnen Kandidaten oder Parteien davon halten. Man muss also genau hinhören und fragen, was wir im Namen der gesamten deutschen Volksgruppe tun werden.

Tun wir das auch individuell. Doch erliegen wir nicht der Täuschung, dass es uns egal sein kann und wir die Hoffnung aufgeben sollten, dass ein Staatsoberhaupt gewählt wird, das die Demokratie, die Verfassung und die EU-Standards achtet. Dort sind ja all unsere Rechte festgeschrieben.

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Was verbindet uns?

Vor einer Woche habe ich ein Feuilleton über Deutsche in Kasachstan angekündigt. Als ich sie besuchte, versuchte ich immer, die Titelfrage zu stellen: Was verbindet uns? Entscheiden Sie selbst.

Die deutsche Bevölkerung tauchte in den kasachischen Steppen aufgrund der Deportation der Deutschen aus dem Gebiet der UdSSR im Jahr 1941 auf. Ihre Wurzeln reichen zwar in deutsche Lande des 18. Jahrhunderts, doch deportiert wurden sie von der Krim, der Ukraine, Georgien und vor allem von den Ufern der Wolga. Als dann die Sowjetunion zusammenbrach, trennte sich, neben vielen anderen Ländern, von Russland auch Kasachstan, wo damals eine Million Deutsche lebten.  Sie sind vom Terror gebrochen, von der Deportation und der späteren sprachlichen Diskriminierung, die dazu führte, dass die aussterbende Generation der Großeltern die letzte war, die Deutsch im Alltag gesprochen hat.

Durch die deutsche Politik gegenüber den deutschen Minderheiten in Osteuropa und der ehemaligen UdSSR, versuchen in den folgenden Jahren deutsche Familien massenweise das Land gen Westen zu verlassen. So blieben heute in Kasachstan ca. 180.000 Deutsche. Viele von ihnen bereiten sich aber auch heute zur Ausreise nach Deutschland vor, was allerdings deutsche Sprachkenntnisse und ein Wissen um die Kultur und Geschichte des Landes erfordert. Eine Ausreise als Spätaussiedler wird erst möglich, wenn man eine Art Prüfung in der deutschen Botschaft abgelegt hat. Zur Sonntagsschule in der Hauptstadt des Landes gehen deshalb auch Kinder aus Familien, die eine Ausreise geplant haben.

Infolge der Ausreisen sinkt die Zahl der Deutschen in Kasachstan stetig, doch ich bin auch Menschen begegnet, die aus Deutschland zurückgekehrt sind und der Minderheit mit ihren Sprachkenntnissen hervorragend dienen. Die Sprache ist die Achillesferse, nach Jahren der Diskriminierung und der heutigen Verdrängung der Sprache aus den Schulen. In der Hauptstadt gibt es sowohl in der katholischen als auch evangelischen Kirche keine Gottesdienste in deutscher Sprache, weil es - wie man mir sagte - keine Gläubigen gäbe, die diese Sprache beherrschen würden. Ähnlich ergeht es der polnischen Sprache, obwohl dort viele Polen leben. Es kommt vor, dass ein deutschsprachiger Gottesdienst auf dem Land stattfindet. Leider konnte ich kein einziges deutsches Dorf besuchen, obwohl sogar die Taxifahrer mir erzählten, dass es die schönsten Dörfer im Land waren. Waren, denn wegen der Ausgereisten bleiben sie zumeist nun verlassen.

Meine Gesprächspartner in der Zentrale der deutschen Minderheit konzentrieren sich auf die Realisierung von Projekten in 21 regionalen deutschen Organisationen und legen dabei besonderen Wert auf die Jugend und die Sprache. Gleichzeitig überlegen sie, wie sie die Migration ihrer Mitglieder nach Deutschland verhindern könnten, vor allem, weil viele von ihnen dies nicht aus wirtschaftliche Gründen tun, sondern um ihren Kindern nicht den Weg "in die Zukunft" zu verbauen.

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Geschichtsstrang

Eine alte Weisheit besagt, dass Reisen bildet. Wichtiger wäre wohl zu sagen, dass Reisen Stereotypen abbaut. Zu diesen gehört wahrscheinlich das allgemeine  Denken über Kasachstan, das wir mit dem sowjetischen Erbe, der Rückständigkeit Zentralasiens, der Deportation von Deutschen und Polen im Krieg sowie manchmal mit Diktatur in Verbindung bringen, da ja dort seit 28 Jahren Nursultan Nasarbajew regiert.

Aufgrund meines dreitägigen Besuches in der Hauptstadt des Landes bin ich keineswegs Experte, meine Stereotypen wurden aber auf jeden Fall gebrochen. Die Moderne und die Entwicklung in einem bis dahin ungesehenen Grad imponieren. Die neue Stadt mit Regierungszentrum entstand aus den Visionen des Präsidenten dort, wo noch vor einigen Jahren Steppe gewesen ist. Heute ragen dort moderne Wolkenkratzer in den Himmel. Die Vision des Präsidenten basiert auf einem Geschichtsstrang, den ich aus einer Höhe von 25 Metern sehen konnte. Im Zentrum steht die Unabhängigkeitssäule, die den Wendepunkt der Geschichte der Kasachen markiert. Von Beginn an lebte dieses Nomadenvolk in einer unbestimmbaren Welt, was die relativ chaotische, wenn auch moderne Bebauung veranschaulicht. Von da an wird alles systematisch und verläuft in einer geraden Linie bis zum Sitz der Regierung, des Parlaments und des Präsidenten sowie dem Palast der Religion in Form einer Pyramide  und dem Palast des Volkes.

In dieser Stadt erfuhr ich vielmals die traditionelle Gastfreundschaft und Offenheit der Kasachen, die seit 1991 in einem permanenten politischen, gesellschaftlichen und sprachlichen Umbruch leben. Die Unabhängigkeit war von Anfang an ein friedlicher Prozess,  aber doch ein Ausbruch aus der Abhängigkeit von Russland und einer Öffnung auf die Welt. Die Bedeutung dessen ist nicht nur mit der Wirtschaft verbunden, sondern auch mit der Kultur des Landes, das zu 70% von Kasachen und zu 25% von ethnischen Russen bevölkert wird. Gleichzeitig sprechen nur etwa 30% der Bürger kasachisch.

Die dominierende Rolle der russischen Sprache führt dazu, dass die Kulturpolitik auf die Popularisierung der kasachischen Sprache eingestellt ist, was, neben dem Rang des Englischen als Weltsprache, vor allem den dortigen Deutschen Sorgen bereitet. Denn dadurch wird das Deutsche, früher so beliebt, dass jedes Jahr 300.000 Schüler diese Sprache als erste Fremdsprache gelernt haben, heute nur auf Rang vier ist. Mehr über die Begegnungen mit den Kasachstandeutschen - und nicht nur - schreibe ich in der kommenden Woche.

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Gedenken zum Jubiläum

Bereits im Januar begannen die Feierlichkeiten zum 30jährigen Bestehen einiger Organisationen der deutschen Minderheit in Polen. Die zwei größten, also die in den beiden oberschlesischen Woiwodschaften, hatten bereits den Auftakt zum ganzjährigen Feiern. Es  wäre allerdings ein Fehler, wenn die Jubilare diese Feiern als Jahrestage der Gründung der deutschen Minderheit bezeichnen würden, auch wenn es für manche natürlich ist, dies so zu betrachten.

Ich erinnere mich daran, dass genau damals zum Ende der 80er und Beginn der 90er Jahre erboste Stimmen laut wurden, dass es unmöglich und Anzeichen von Konjunkturalismus sei, wenn in Gebieten, in denen es seit Jahrzehnten keine Deutschen mehr gab, Organisationen mit hunderttausenden Deutschen entstehen. Daher muss vor allem im Jubiläumsjahr mit aller Entschiedenheit unterstrichen werden, dass vor 30 Jahren die diskriminierten sowie kulturell und sprachlich unterdrückten Deutschen, denen noch in den 80er Jahren sowohl die Kirche durch Primas Glemp als auch der Staat durch General Jaruzelski eine Anerkennung versagten, ihr Bestehen in Schlesien, Pommern und Ostpreußen bewiesen haben. Man muss heute alle ehren, die für ihre deutsche Herkunft gelitten haben. Vor allem aber diejenigen, die für die Pflege der deutschen Sprache und Kultur zu Hause und in den kleinen Gemeinschaften den höchsten Preis bezahlen mussten. Das System der nationalen Diskriminierung, verbunden mit einem alles kontrollierenden totalitären Regime, sorgte dafür, dass seine Opfer in Vergessenheit geraten. Deshalb ist es so wichtig, dass die vom VdG ins Leben gerufenen Initiativen wirklich ihre Arbeit aufnehmen können.

Ich denke hierbei an das Dokumentations- und Ausstellungszentrum der Deutschen Minderheit, das in Oppeln entstehen wird, vor allem aber an das bereits tätige Forschungszentrum der Deutschen Minderheit. Dank der Arbeit dieses Teams entstanden bereits zwei wissenschaftliche Publikationen, von denen sich die eine mit dem Verhältnis des polnischen Staates in den Jahren 1945 - 1989 gegenüber der deutschen Bevölkerung in Oberschlesien, die andere gegenüber jener in Niederschlesien, Pommern und Ostpreußen beschäftigt. Die Lektüre beider Bücher führt uns zu Gruppen und konkreten Menschen, die für ihren Widerstand gegen die Polonisierung, für ihr negatives Verhältnis zu den Grenzverschiebungen, für die Gründungsversuche deutscher Organisationen in den 50er Jahren mit langjährigen Haftstrafen oder gar dem Tod bezahlen mussten.

Die Urteile fielen nicht auf anonyme Menschen. Sie hatten Familien, Freunde und doch können wir heute ihre Namen nicht nennen. Die damaligen Machthaber haben es geschafft, sie aus dem kollektiven Gedächtnis zu verdrängen. In einigen Kapiteln der angeführten Bücher fallen deren Namen gewiss zum ersten Mal außerhalb der Akten der Staatssicherheit. Beleben wir wieder das Gedenken an sie!

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Nur eine oberschlesische Tragödie?

Der Januar ist für die in Mittel- und Osteuropa lebenden Deutschen der Monat schmerzlicher Erinnerungen, obwohl es meistens nicht mehr die eigenen sind. In unseren Häusern hatten wir die Erfahrung gemacht, dass unsere Eltern oder Großeltern ihre Familien nicht mit dem Schmerz der Erlebnisse des Jahres 1945 belasten wollten. Daher sind heute all die Feierlichkeiten zum Gedenken an die Tragödie, die wir in Schlesien als die Oberschlesische Tragödie bezeichnen, so wichtig. Am Sonntag vergangener Woche habe ich in Gleiwitz zum Gedenken an die von Rotarmisten sowie von den Besatzungen der polnischen sog. Arbeitslager Ermordeten einen Kranz niedergelegt. Doch schon da habe ich erklärt, wieso wir als deutsche Gemeinschaft in Polen den diesjährigen Feierlichkeiten eine breitere Perspektive geben wollen.

Am Dienstag flog ich nach Nowosibirsk, wo ich die Ausstellung über die deutsche Minderheit in 25 Ländern Europas eröffnet habe. Diese Ausstellung habe ich in Sibirien eröffnet, denn im Jahr 1941 wurden die Wolgadeutschen dorthin vertrieben. Von da flog ich direkt nach Reschitza in Rumänien, wo ich am Gedenken für die deutschen Opfer der Verschleppung in die UdSSR teilgenommen habe. In den letzten Jahren nahm ich als Sprecher der AGDM an Gedenkfeierlichkeiten für die Opfer von Lagern, Hungersnöten, Internierungen und Folter in Serbien und Kroatien teil.

Am 19. Januar fand in Ungarn zum wiederholten Mal der im Jahr 2012 durch das Parlament verabschiedete Nationale Gedenktag zur Vertreibung und Verschleppung der Ungarndeutschen statt. Der Bundesbeauftragte Bernd Fabritius sagte dort: "Das ungarische Gedenken an die Opfer der eigenen Ungerechtigkeit in der Vergangenheit zeugt von einem ernsten historischen Gewissen. Ein solches Verhalten erfordert eine ernsthafte Würde und zeigt Ungarn als Beispiel für Europa". Überall östlich der Oder haben die Sieger des Krieges gegenüber den Deutschen Kollektivschuld angewandt. Man hat diese auf alle ausgedehnt sogar auf die Kinder, Alten und Frauen.

Der amerikanische Hauptankläger in den Nürnberger Prozessen, Robert H. Jackson, sagte damals: „Was die Welt bestimmt nicht braucht, ist die Idee, die einen aus den Konzentrationslagern herauszuholen und die anderen hineinzustecken. Doch genau dies geschah!“ All das ist der Beweis für die Allgemeingültigkeit dessen, was wir gemeinhin auf die Oberschlesische Tragödie beschränken, obwohl man sich auch vor den Opfern in Pommern oder Ermland sowie in Ungarn oder Rumänien verneigen sollte. Dabei ist es wichtig zu unterstreichen, dass niemand die Gedenkfeierlichkeiten in Lamsdorf, Schwientochlowitz oder Potulitz als Relativierung der Geschichte interpretieren sollte, sondern als deren Vervollständigung nach Jahren des Schweigens.

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Foto: Bernard Gaida

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