Log in
Bernard Gaida

Bernard Gaida

E-Mail: Diese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein! Webseite-URL:

Auftrag in den sozialen Medien

Jeder erinnert sich an den Roman „Die Pest“ von Albert Camus. Die todbringende Epidemie weckte damals wie heute Ängste in medizinischer wie in existenzieller Dimension. Es gibt aber auch weitere Schrecken. Staus an den Grenzen, Verbote, die Häuser zu verlassen, Anwesenheitskontrollen unter der angegebenen Adresse, die Selbstorganisation der Gesellschaft bei gleichzeitiger Leistungsunfähigkeit der Regierung sind für die junge Generation neue Erfahrungen. Doch geschlossene Grenzen in unserem Teil Europas waren vor 30 Jahren noch keine temporäre Verschärfung sondern die Norm. Das Verbot von Auslandsreisen, ein Leben unter Kontrolle des Staates, Verbot von Versammlungen waren die Norm des sozialistischen Systems. Und das führte schließlich zur wirtschaftlichen Misere, Reglementierung von Waren und … Entwürdigung der Bürger. Der Fall dieses Systems wurde erkauft mit dem Tod vieler Menschen in vielen Ländern.

Wir können stundenlang von der damaligen Zeit erzählen - deshalb sollte man mit Bedacht Beschränkungen auferlegen und hinnehmen, da sie die Standards der Staatsformen ändern können. Man hört schon jetzt Befürchtungen, dass die Verschärfungen, die im Grunde Beschränkungen der Bürgerrechte sind, wegen der jetzigen Situation zur Norm werden könnten. Sie könnten von Politikern und Parteien ausgenutzt werden, die in dieser Krisenzeit ihre Chance sehen könnten, ihre Position zu stärken, auch gegen den Willen der Gesellschaft. Das betrifft nicht nur Polen. Es wird gemunkelt, dass Premierminister Orban sich die Möglichkeit sichern will, mithilfe von Dekreten regieren zu können. Dagegen ist die Entscheidung der Partei PiS vom vergangenen Samstag, die unter dem Mantel des so nötigen Rettungspaketes für die Wirtschaft Lösungen einführte, um behaupten zu können die Präsidentenwahl im Mai wäre möglich, ein klarer Beweis dafür. Sie riskiert ein so nötiges, wenn auch schwaches  Paket für die Wirtschaft für die eigenen Interessen der Partei.

Die und andere Situationen zeigen, wie einfach es durch totale Isolation ist nicht nur die Wirtschaft zu zerstören, sondern auch die Demokratie. Je mehr Isolation der Staat einführt, desto mehr muss man ihm auf die Finger schauen.  Und dann sieht man, wie wichtig soziale Medien sind. Von dort erfahren wir von immer neuen Bürgermeistern, die sagen, dass sie in Zeiten der Epidemie in ihren Gemeinden die Wahlen nicht organisieren werden.  In die Netzwerke wandert auch die Seelsorge. Es entstehen Gebetgruppen, zum Standard wird die Übertragung der Heiligen Messen über Facebook und youtube.

In normalen Zeiten gibt es bei uns Pfarrgemeinden, in denen trotz Bedarf die deutschsprachigen Messen nicht gelesen werden und nun haben wir eine ganze Palette. Zu einem wahren Hit wurde das gemeinsame Gebet um 20.00 Uhr über die Seite  streaming.airmax.pl/kamienslaski. Dort beten zusammen mit Pfr. Dr. Peter Tarlinski über 2000 Menschen nicht nur aus Polen, Deutschland oder Österreich, sondern auch aus Tschechien, der Slowakei und dem ukrainischen Odessa.

  • Publiziert in Blogs

Geschlossene Kirche

Die Tendenz, über die Corona-Pandemie zu schreiben, ist wirklich sehr groß. Das Außergewöhnliche dieser Sitaution erinnert an andere außergewöhnliche Analogien. Geschlossene Kirchen oder Kirchen ohne Eucharistie sind ein Schock, den wir so aus unserem Leben sowie der Geschichte der Kirche nicht kennen. Im Gegenteil. Je schwieriger es wurde und je größeren Schrecken die Realität bei den Menschen erweckte, desto wichtiger wurde die Kirche.

Als ich am Samstag bei einem Gespräch mit einem Historiker diesen nach ähnlichen Fällen aus der Vergangenheit gefragt habe, hörte ich, dass es Zeiten gab, in denen während der Pest bestimmte Personen nicht in die Gotteshäuser hinein durften, doch es war nie so, dass die Bischöfe zum Wegbleiben aus der Sonntagsmesse oder deren Zelebrierung ohne die Gläubigen aufgerufen hätten. Vieles um uns herum geschieht nun zum ersten Mal und gewiss werden noch viele weitere Dinge zum ersten Mal geschehen. Jedoch gerade aus der Geschichte kam mir eine Erzählung in den Sinn, die den Schmerz zeigt, wenn man nicht zur Messe gehen kann.

Vor vielen Jahren traf ich in Arnoldsdorf eine Deutsche, die dort das Ende des Krieges erlebt hat. Sie erzählte, dass die Bewohner für viele Monate in die dortige Schule gesperrt wurden, die durch einen Zaun zu einem Lager umfunktioniert wurde. So mussten sie Platz machen für die aus dem Osten Polens ankommenden sog. Repatrianten. Hinter dem Zaun dieses in der Dorfmitte gelegenen Lagers beobachteten sie täglich das im Dorf aufblühende „neue” Leben. Sie sahen neue Bewohner, hörten ihre Gespräche, dachten nach, wer von den Beobachteten ihr Haus eingenommen hat, in ihren Betten schläft, in ihrer Küche isst, während sie, mehrere hunderte Menschen, nebeneinander in den Klassenzimmern lagen und ihnen als Essen eine dünne Suppe und etwas rationiertes Brot reichen musste. Psychisch machte sie ein Schicksal fertig, das sie so nicht kannten. Angeblich sollten sie ausreisen, doch wohin, wenn monatelang nichts geschehen ist. Sie vegetierten inmitten einer aufblühenden polnischen Realität vor sich hin.

Das schlimmste Erlebnis gab es aber im Winter und es ging nicht um die Kälte, die ihnen zu schaffen machte. Am schlimmsten war das Weihnachtsfest, als sie die festlich gekleideten Polen auf dem Weg zu den Gottesdiensten gesehen haben. Ihnen, den Deutschen, wurde der Kirchgang trotz Bitten verweigert, denn angeblich gab der Pfarrer nicht sein Einverständnis. Die Tränen waren ihr Gebet, als sie die Orgel und den aus der Kirche kommenden Gesang hörten. Weinend sangen sie in den Klassenzimmern ihr „Stille Nacht”. Der Schmerz jedoch, der ihre Herzen brechen ließ, blieb über Jahrzehnte.

Meine Gesprächspartnerin weinte bei der einfachen Erinnerung an die Zeit. Von diesem Schmerz höre ich dieser Tage von einigen unter uns.

  • Publiziert in Blogs

Diebe des Geistes

In der vergangenen Woche wurde der Philosoph und Ideenhistoriker Marcin Król Held eines der wichtigsten Gespräche in der polnischen öffentlichen Debatte. Er meinte, die größte Schuld der Vertreter der Regierungspartei sei es, dass sie zu Dieben des Geistes wurden. Sie wurden zu denjenigen, die versuchen, aus Menschen eine gedankenlose Masse zu machen. Deswegen berauben sie die Menschen einer wirklichen Verbindung zur Tradition, des Patriotismus und der nationalen Kultur.

Prof. Król sagte dies, obwohl wir es seit Jahren mit einem Ausbruch von vermeintlich patriotischen Inhalten zu tun haben. Er deutete also indirekt auf den grundlegenden Unterschied zwischen einem authentischen Patriotismus und dem Nationalismus hin. Der Philosoph unterstrich in seinen Überlegungen zum Niveau der politischen Klasse, nicht nur in Polen, dass es an Politikern fehle, die in sich Intelligenz, geistige Entwicklung und Wirksamkeit vereinen würden. Als Beispiel eines Politikers, der all diese Fähigkeiten besaß, nannte er Otto von Bismarck. In ihm hat er sowohl Geduld (20 Jahre des Wartens auf seine Zeit), als auch die Liebe zur Kunst (Umgang mit Poesie) und eigene Visionen gesehen. Uns Deutschen sollte diese hohe Bewertung für den deutschen Politiker und Reformer, der wirksam einen modernen und gerechten Staat mit einem Sozialsystem und einer allgemeinen Schulpflicht aufgebaut hat, nicht entgehen.

Prof. Król sprach über Polen, doch es ist leicht, Analogien zur Situation in Deutschland zu finden, vor allem, als er die oppositionellen Kandidaten für das Präsidentenamt kritisierte und meinte, sie seien ausdruckslos und wiederholen den völlig unrealistischen Slogan "Präsident aller Polen sein zu wollen". Es ist für die Wähler demotivierend, wenn sie in einem gespaltenen Land unrealistische Signale vom Kampf um alles hören, statt vom Ringen um eine klare Mehrheit. Auch in Deutschland bezeichnen sich die meisten als Politiker der Mitte, dabei erwarten doch die Wähler, dass die einen sozialdemokratisch und die anderen konservativ sind, dass sie sich unterscheiden, um eine Wahl zu haben und nicht eine ideenlose Mitte zwischen den Extremen bilden.

Das scheint ein deutscher ungewollter Diebstahl des Geistes zu sein, der auch dort einen wirklichen Patriotismus, Verbindung zu Tradition und nationaler Kultur raubt. Hier können wir, zumindest teilweise, die Gründe in verwundernden symbolischen Ereignissen sehen, wie der hohen Wahrscheinlichkeit, dass einerseits in Gelsenkirchen ein Denkmal Wladimir I. Lenins errichtet wird, andererseits der Berliner Senat Paul von Hindenburg aus der Liste der Ehrenbürger streichen ließ.

  • Publiziert in Blogs

Präsidentschaftswahl. Gehen oder nicht?

Mit Erstaunen bekomme ich seit einigen Tagen in meinem Bekanntenkreis die im Titel enthaltene Frage mit: Wieso sollte ich an der Präsidentschaftswahl teilnehmen? Mit Erstaunen, denn ich dachte, es sei offensichtlich, dass bei der derzeitigen bedeutenden ideologischen Zerrissenheit jeder mündige Bürger zur Wahl geht. Die Argumente, der Wahl fernzubleiben, sind meistens abgedroschen und klingen wie diese: "Sie sind doch alle gleich", "es geht doch nur um Geld", "was ändert das?" usw. Als ich aber im Internet gelesen habe, dass es doch die Sache der Polen sei und es uns, die Deutschen, nicht interessieren sollte, habe ich mich entschieden, etwas zu diesem Thema zu schreiben.

Ich beginne damit, dass der derzeitige Präsident Andrzej Duda, dem man Passivität beim Unterzeichnen von Gesetzen aus dem Sejm vorwirft, gerade im Fall der Rechte der nationalen Minderheiten sein Veto eingelegt hat. Es war die erste Gesetzesnovelle, die der Präsident mit Erfolg blockiert hatte. Die Novelle des "Gesetzes über nationale und ethnische Minderheiten" sah nach Jahren der Vorbereitungen Erleichterungen bei der Verwendung der Hilfssprachen vor, z.B. durch deren Einführung auf der Kreisebene der Kommunen. Sie sollte den Grundsatz einführen, dass Vertreter einer Minderheit bei der Wahl des Leiters einer Schule, in der die Minderheitensprache gelehrt wird, teilnehmen dürfen. Auch andere Erleichterungen sollten ermöglicht werden. All die Änderungen wurden durch den Sejm und den Senat angenommen ... fielen aber in letzter Instanz durch. In einem anderen Fall baten wir den Präsidenten, sein Veto einzulegen, als Richtern mit doppelter Staatsbürgerschaft die Ausübung des Berufes verboten wurde. Der Präsident hat hier sein Recht nicht genutzt.

Allein diese Beispiele zeigen, wie wichtig es ist, wer Präsident ist und welche Ansichten er in Bezug auf die Position der nationalen Minderheiten sowie die kulturelle Vielfalt vertritt. Wir wissen gleichzeitig, dass die nationalen Minderheiten in Polen gerade einmal 2% der Bevölkerung ausmachen. Wenig. Das führt dazu, dass die Probleme der nationalen Minderheiten nicht zum politischen Mainstream gehören und man im normalen Diskurs nicht erfährt, was die einzelnen Kandidaten oder Parteien davon halten. Man muss also genau hinhören und fragen, was wir im Namen der gesamten deutschen Volksgruppe tun werden.

Tun wir das auch individuell. Doch erliegen wir nicht der Täuschung, dass es uns egal sein kann und wir die Hoffnung aufgeben sollten, dass ein Staatsoberhaupt gewählt wird, das die Demokratie, die Verfassung und die EU-Standards achtet. Dort sind ja all unsere Rechte festgeschrieben.

  • Publiziert in Blogs
Diesen RSS-Feed abonnieren