Log in

Leid hat keine Nationalität

In der letzten Zeit komme ich mit vielen Menschen in Rollstühlen, mit Querschnittsgelähmten, Leidenden und doch mit einer außergewöhnlichen Kraft diese Einschränkung Überwindenden zusammen. Ich weiß nicht, ob die Familie von Pückler heute froh ist, dass in Polen, in ihrem ehemaligen Familiensitz in Friedland, dem heutigen Korfantów, solchen Menschen geholfen wird. Es ist ja das Oppelner Ortophädie-Zentrum.

An die ehemaligen Besitzer der Güter, Häuser, Bauernhöfe östlich von Oder und Neiße denkt man selten, und wenn doch, dann hat die Erinnerung einen allgemeinen, historischen und unpersönlichen Charakter. Für Patienten, die am Nachmittag in der Umgebung des Krankenhauses spazieren können, verschwindet dieser unpersönliche Charakter bereits ca. 200m hinter dem Schloss. Dort, im ehemaligen Schlosspark, der heute Wald ist, an der Straße hinter einem Metallzaun, befinden sich drei Gräber derer von Pückler. Das am nächsten an der gusseisernen Pforte gelegene ist das Grab Carl Rüdiger Graf von Pücklers, der am 23. Dezember 1923 gestorben ist, also am Tag vor Heiligabend.

Die Alten sagten, dass jeder Tag gut zum Sterben ist. Doch Carl Rüdiger kam gerade einmal drei Monate vorher, am 2. Oktober 1923, auf die Welt. Die Grabplatte erweckt bei jedem, der auf sie trifft, Mitgefühl. Auf einmal werden die Eltern, deutsche Großgrundbesitzer, deren Nachfahren hier nicht mehr leben, einem nahe. Das menschliche Leid der Deutschen erinnert die Polen auf einmal an andere Situationen, in denen das deutsche Schicksal Mitleid erweckt.

Einer der Patienten, dessen Wurzeln in Großpolen sind, erzählte mir die Geschichte seines Vaters, der während des Krieges faktisch Verwalter des Gutes eines Wehrmachtsoffiziers wurde. Er war die rechte Hand der Ehefrau, beteiligte sich sogar an der Erziehung des Sohnes des Offiziers, der den Polen gebeten hatte, mit männlichem Wort die Mutter zu unterstützen. Und der Sohn wurde streng, bescheiden und zur soliden Arbeit erzogen, um das Gut zu übernehmen. Der Pole schätzte die Familie so sehr, dass er 1945, als auf einmal die Rote Armee näher kam, dem Offizier in der letzten Minute anbot sie zu verstecken. Die Familie entschied sich jedoch für die Flucht in den Westen und versprach, dass sie den Polen samt seiner Familie nach dem Krieg nach Deutschland nachziehen lassen werde. Einige Jahre nach dem Krieg, als keine Nachricht kam, beauftragte der Pole das Rote Kreuz nach der deutschen Familie zu suchen. Sie wurde aber nicht gefunden. Der Vater meines Gesprächspartners, der von den Gräueltaten der Rotarmisten wusste, sprach bis zu seinem Tod unter Tränen von seiner Überzeugung, die deutsche Familie habe es nicht geschafft zu flüchten und starb namenlos wie hunderttausende andere Deutsche. Gestern erzählte es mir der Sohn dieses Polen.

Das menschliche Schicksal verlangt immer, dass es nicht gesichtslos in der Masse verschwindet. Und das Leid hat keine Nationalität.

  • Publiziert in Blogs

Der Schatten von Lamsdorf

"Schatten von Łambinowice" heißt ein Buch von Edmund Nowak. Letztes Wochenende ist die Erinnerung an diesen Schatten aufs Neue erwacht, und zwar nicht nur, weil ich für einige Woche nun im 7 km von Lamsdorf entfernten Friedland wohne. Sondern auch, weil das Gedenken an diesen langen Schatten des Nachkriegslagers in Lamsdorf von den Menschen aus den hiesigen Dörfern nicht vergessen und nicht an die Historiker abgegeben wurde. Der Schatten lebt bis heute weiter. Aus der Geschichte wissen wir, dass die Mehrheit der Internierten deutsche Bewohner aus den um Lamsdorf gelegenen Dörfer gewesen sind. Für sie hat das Falkenberger Landratsamt im Juli 1945 ein "Konzentrationslager" eingerichtet, das später Arbeitslager genannt wurde.

Soweit die Geschichte, die heute auch dank des Engagements der deutschen Minderheit gut bekannt ist. Die heutige Dimension des Schattens erlebte ich am Sonntag, als ich in der Kirche der Heiligen Dreifaltigkeit in Friedland gehört habe, dass auf dem Schwedischen Bergchen eine "Gelöbnismesse" des Dorfes Polnisch Jamke gelesen wird. Zu dieser Messe habe ich es nicht geschafft , bin aber später zu diesem Ort gefahren. Als ich näher an die mitten in den Getreidefeldern liegende Wallfahrtskirche kam, sah ich mit Erstaunen viele Autos und um die Kirche wurde der Kreuzweg gebetet. Da ich der Meinung war, es handele sich immer noch um Pilger aus Polnisch Jamke, wollte ich nur nach dem Hintergrund für die „Gelöbnismesse“ fragen, aber es stellte sich heraus, dass es sich hierbei nun um eine "Gelöbniswallfahrt" des Dorfes Pogosch handelt. Ich schloss mich der Andacht an, im Schatten der Bäume rund um das Schwedische Bergchen mit einer wunderschönen Aussicht auf das Oppagebirge. Mich verwunderte die für eine lokale Wallfahrt große Anzahl der Menschen aus einem Dorf und das warf die Frage nach der Geschichte des Gelöbnisses auf.

Einer der ältesten Teilnehmer der Andacht erklärte mir ruhig und in einem wunderschönen Deutsch, dass im Jahr 1945 die Bewohner von Pogosch vertrieben werden und in das Lager in Lamsdorf kommen sollten. Diese Entscheidung wurde aber nie ausgeführt und die Bewohner konnten in ihren Häusern bleiben. Es wurde gesagt, dass dies geschehen sei, weil das Lager, das im Grunde ein Übergangslager für vertriebene Deutsche sein sollte, deren Häuser für die ankommenden "Repatrianten" gebraucht wurden, überfüllt war. Die Bewohner haben daher feierlich gelobt, dass sie seitdem jedes Jahr für ihre Rettung mit einer Wallfahrt zum Schwedischen Bergchen danken werden. Sie gedenken dessen bis heute und kommen.

Ich dachte, dass vielleicht die Bewohner von Polnisch Jamke eine ähnliche Intention für ihre Gelöbnismesse haben. Einige Kilometer von diesem Dorf liegt nämlich Ringwitz, an dessen Einfahrt eine Votivkapelle alle grüßt. Diese wurde von den Einwohnern im Jahr 1947 erbaut, die im Februar 1945 gelobt hatten, eine Kapelle zu errichten, wenn "der Herrgott unser Dorf, unser Hab und Gut sowie unsere Familien und uns alle vor dem Unglück der Kriege und Zerstörungen bewahrt". Er bewahrte sie und ihren Besitz. Das musste für sie ein Wunder sein, da die Bewohner vieler anderer Orte in der Umgebung in Lamsdorf eingesperrt wurden. Die Kapelle steht. Wallfahrten und Messen werden gelesen. Die Erinnerung an das tragische Jahr 1945 ist hier lebendig.

  • Publiziert in Blogs

Der FUEN - Kongress in Pressburg/ Bratislava 2019

Am Rande des FUEN Kongresses (14.06.2019) in Pressburg/Bratislava ergab sich eine gute Gelegenheit für ein gemeinsames Gespräch zwischen Herrn Bernard Gaida (Sh. Bild unten: Zweiter von links), Herrn Rafał Bartek (rechts außen) und dem Staatssekretär im Bundesministerium des Inneren, für Bau und Heimat - Herrn Stephan Mayer MdB (Zweiter von rechts). Außerdem nahm an dem Gespräch der frühere Beauftragte der Bundesregierung für Aussiedlerfragen und Minderheiten Hartmut Koschyk (links im Bild), der deutsche Botschafter in der Slowakei Joachim Bleicker (Dritter von links) sowie der FUEN Präsident Lorant Vincze (Mitte), teil.
Hauptthema des Gespräches war das kommende Treffen der deutsch-polnischen "Runde Tisch" in Berlin.

Die Sünde der Versäumnis und den Hochmutes

Gestern wurde ich zu einem von Millionen Zuschauern des Films „Tylko nie mów nikomu” (dt. Sag es niemandem). Allgemein gesehen hat der Film mein Wissen nicht sonderlich verändert, doch er traf mich mit seiner Tiefe der Folgen der Sünde der Versäumnis. Leider befürchte ich, dass ähnlich wie beim Tod von Paweł Adamowicz, der die Gräben zuschütten und zu einer positiven Veränderung führen sollte, auch hier sichtbar wird, dass die Instrumentalisierung der Sünde der Kinderschändung in der Kirche allem dienen kann, außer der Bekehrung. Obwohl dabei der Hauptprotagonist, um einmal bildlich zu sprechen, die Sünde der Pädophilie unter Geistlichen sein sollte, scheint es so zu sein, dass darin viel mehr Rede von der Sünde der Versäumnis, des Hochmutes und der Entfremdung vieler Vertreter des Priesterstandes und nicht nur der kirchlichen Hierarchie ist.

Im Film sieht man wenig Reue und wo sie auftaucht, ist sie tragisch ratlos. All die Sünden und moralische Stolperer sind Beweis für den Bruch mit Werten im gesellschaftlichen Sinne und für den Verrat an Jesus Christus im theologischen Sinn. Ein Verrat, der niemandem fremd ist, auch wenn er nicht immer die Gestalt geschändeter Kinder annimmt. Ich konnte mich nicht des Anscheins erwehren, dass zu Tätern eher die wurden, die sichtlich dem Hochmut erlagen oder heute dafür bekannt sind. Schon damals, als Pfarrer Jankowski goldene Halsketten und schneeweiße Anzüge trug sowie teure Autos fuhr, war er als Priester für mich so weit unglaubwürdig, dass die Information über seine Taten mich nicht mehr überraschen konnte. Als der heutige Bischof von Danzig noch Militärbischof gewesen ist, habe ich mich als Katholik dafür geschämt, was die Offiziere über ihn gesprochen haben. Es erstaunte mich aber immer, wieso ein solches Benehmen toleriert wurde.

Die Sünde der Versäumnis und die Akzeptanz des Hochmutes sowohl bei kirchlichen Würdenträgern als auch bei tausenden Gläubigen dauerte Jahre. Heute fallen täglich neue Namen und den Anklägern kann der Hochmut gefährlich werden sowie die Worte: "Gott, ich danke dir, dass ich nicht bin wie dieser Pharisäer!". Die Kirche muss das Unkraut samt Wurzeln herausreißen. Zu lange hat sie gewartet und nun darf sie nicht bis zur Ernte warten, denn es droht ihr auch der Verlust des Weizens. Sie kann viele gute Menschen verlieren, die sie als Depositum (in Verwahrung) erhalten hatte, um sie sicher zur vorausgesagten Erlösung zu führen. Um so wenige wie möglich zu verlieren, muss die Kirche streng nach Innen und demütig nach Außen sein. Als also jemand unter meine Bilder vom sonntäglichen Aufenthalt auf dem St. Annaberg geschrieben hatte, dass es so ein kleines Tschenstochu sei, dachte ich, dass es hoffentlich nie dem stolzen Nationalheiligtum ähnlich werde, sondern ein bescheidener und stiller Ort des Gebetes der Sünder und Zöllner sowie der für die Erlösung offenen Heuchler bleibt.

  • Publiziert in Blogs

VdG-Delegierte verabschieden Resolutionen anlässlich schlesischen Aufständen, 80. Jahrestag des Ausbruch des Zweiten Weltkrieges, Teilnahme an Europawahlen und Lage der deutschen Sprache

Am Samstag den 11. Mai 2019 fand auf dem Sankt Annaberg die 50. Verbandsratssitzung des Verbandes deutscher Gesellschaften in Polen statt. Die Delegierten des VdG blickten während der Sitzung auf das Jahr 2018 zurück aber auch auf die bevorstehenden Aufgaben und Projekte.

 1

Neben den Delegierten nahmen an der Sitzung eigeladene Gäste aus dem Landesverband des Bundes der Vertriebenen Thüringen, mit denen der VdG seit 25 Jahren zusammenarbeitet, wie auch assoziierte Mitglieder des Verbandes und Vertreter auf kommunaler und politischer Ebene teil. Ihr Grußwort an die versammelten Delegierten und Gäste haben die Konsulin der BRD in Oppeln Brigit Fiesel-Rösle, der Abgeordneter im polnischen Sejm Ryszard Galla, der Vorsitzender des Oppelner Sejmiks und Vorsitzender der SKGD in Oppelner Schlesien Rafał Bartek gerichtet. Im Namen des Marschalls der Woiwodschaft Oppeln Andrzej Buła überreichte Herr Rafał Bartek ein Gratulationsschreiben anlässlich der 50. Verbandsratssitzung an den VdG-Vorsitzenden Bernard Gaida. Herzlich willkommen hießen die Delegierten auch der Bürgermeister der Gemeinde Leschnitz Herr Łukasz Jastrzembski und Landrat von Groß Strehlitz Herr Józef Swaczyna. Auch Herr Egon Primas, Mitglied des Thüringer Landtags und Vorsitzender des Landesverbandes Thüringen des Bundes der Vertriebenen richtet an die Versammelten ein Grußwort und blickte darin auf die 25 Jahre Zusammenarbeit zurück.

Auf dem Tagesplan stand der Arbeitsplan des VdG für das Jahr 2019-2020, die gegenwärtige Situation und Pläne der deutschen Minderheit, wie auch die Aufnahme von neuen Mitgliedsorganisationen in den VdG. Somit wurden als ordentliches Mitglied des VdG folgende Organisationen angenommen:

  • Bund der Deutschen Bevölkerung in Gdingen
  • Bund der Bevölkerung Deutscher Abstimmung in Stuhm

Die Delegierten setzten ein sehr bedeutendes Signal nach außen, indem sie einstimmig mehrere Resolutionen u.a. zur folgenden Themen verabschiedet haben:

  • Resolution der Versammlung der Delegierten des VdG in Polen zur Europawahl
  • Resolution der Versammlung des VdG in Polen zur Lage der deutschen Sprache in der deutschen Minderheit in Polen
  • Resolution der Versammlung der Delegierten des VdG in Polen zur Ausrufung durch den Sejm der Republik Polen des „Jahres 2019 zum Jahr der schlesischen Aufstände“
  • Resolution zur Erinnerung an den 80. Jahrestag des Ausbruches des 2. Weltkrieges

Im Anhang präsentieren wir das Wortlaut der verabschiedeten Resolutionen und die Eröffungsrede von dem VdG-Vorsitzenden Bernard Gaida:

 

IMG 20190512 WA0005

 

 

 

  • Publiziert in VdG

Das Treffen mit den Vertretern des Volksbundes der Deutschen Kriegsgräberfürsorge

Am Dienstag, dem 26. März, fand in der VdG-Geschäftsstelle ein Arbeitsgespräch des VdG-Vorsitzenden Bernard Gaida und stellvertretenden VdG-Vorsitzenden Martin Lippa mit den Vertretern des Volksbundes der Deutschen Kriegsgräberfürsorge, Thomas Schock und Marc Müller statt. Die Herrschaften besuchten Oppeln auf die Einladung des VdG, der sich um die Würde der Ruhestätten der deutschen Soldaten in Polen sorgt.

Es wurde über eine Zusammenarbeit des Volksbundes mit der deutschen Minderheit und über eine eventuelle Errichtung eines Soldatenfriedhofs in der Oppelner Region diskutiert, und über den Zugang zu dem Soldatenfriedhof in Laurahütte und viele andere Themen gesprochen. Vertrwter der deutschen Volkgruppe in Polen wurden zu weiteren Gesprächen nach Kassel eingeladen.

  • Publiziert in VdG

Hass ist leicht

Die Worte "Hass" und "Verachtung" werden nach der Ermordung des Danziger Stadtpräsidenten  Paweł Adamowicz fast schon inflationär gebraucht. Und das tun alle, sowohl auf der linken als auch der rechten politischen Seite. Und dies geschieht soweit, dass man glatt bezweifeln kann, die Verurteilung des Hasses wäre wirksam oder zumindest ehrlich gemeint. Ich bin persönlich überzeugt,  dass die Mehrheit der Sprechenden dies konjunkturell tut und weit weg ist von einer eigenen Gewissenserforschung. Ich stimme mit denen überein, die den Hauptverursacher auf der politischen Seite sehen, die nicht wirklich richtig als konservativ betrachtet wird. Auch die Worte Pater Ludwik Wiśniewskis, dass "der Mensch, der die Hassprache benutzt, der seine Karriere auf einer Lüge aufbaut keine hohen Funktionen in unserem Land innehaben darf", einen konkreten Empfänger haben.

  • Publiziert in Blogs
Diesen RSS-Feed abonnieren