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Geschlossene Kirche

Geschlossene Kirche pixabay.com

Die Tendenz, über die Corona-Pandemie zu schreiben, ist wirklich sehr groß. Das Außergewöhnliche dieser Sitaution erinnert an andere außergewöhnliche Analogien. Geschlossene Kirchen oder Kirchen ohne Eucharistie sind ein Schock, den wir so aus unserem Leben sowie der Geschichte der Kirche nicht kennen. Im Gegenteil. Je schwieriger es wurde und je größeren Schrecken die Realität bei den Menschen erweckte, desto wichtiger wurde die Kirche.

Als ich am Samstag bei einem Gespräch mit einem Historiker diesen nach ähnlichen Fällen aus der Vergangenheit gefragt habe, hörte ich, dass es Zeiten gab, in denen während der Pest bestimmte Personen nicht in die Gotteshäuser hinein durften, doch es war nie so, dass die Bischöfe zum Wegbleiben aus der Sonntagsmesse oder deren Zelebrierung ohne die Gläubigen aufgerufen hätten. Vieles um uns herum geschieht nun zum ersten Mal und gewiss werden noch viele weitere Dinge zum ersten Mal geschehen. Jedoch gerade aus der Geschichte kam mir eine Erzählung in den Sinn, die den Schmerz zeigt, wenn man nicht zur Messe gehen kann.

Vor vielen Jahren traf ich in Arnoldsdorf eine Deutsche, die dort das Ende des Krieges erlebt hat. Sie erzählte, dass die Bewohner für viele Monate in die dortige Schule gesperrt wurden, die durch einen Zaun zu einem Lager umfunktioniert wurde. So mussten sie Platz machen für die aus dem Osten Polens ankommenden sog. Repatrianten. Hinter dem Zaun dieses in der Dorfmitte gelegenen Lagers beobachteten sie täglich das im Dorf aufblühende „neue” Leben. Sie sahen neue Bewohner, hörten ihre Gespräche, dachten nach, wer von den Beobachteten ihr Haus eingenommen hat, in ihren Betten schläft, in ihrer Küche isst, während sie, mehrere hunderte Menschen, nebeneinander in den Klassenzimmern lagen und ihnen als Essen eine dünne Suppe und etwas rationiertes Brot reichen musste. Psychisch machte sie ein Schicksal fertig, das sie so nicht kannten. Angeblich sollten sie ausreisen, doch wohin, wenn monatelang nichts geschehen ist. Sie vegetierten inmitten einer aufblühenden polnischen Realität vor sich hin.

Das schlimmste Erlebnis gab es aber im Winter und es ging nicht um die Kälte, die ihnen zu schaffen machte. Am schlimmsten war das Weihnachtsfest, als sie die festlich gekleideten Polen auf dem Weg zu den Gottesdiensten gesehen haben. Ihnen, den Deutschen, wurde der Kirchgang trotz Bitten verweigert, denn angeblich gab der Pfarrer nicht sein Einverständnis. Die Tränen waren ihr Gebet, als sie die Orgel und den aus der Kirche kommenden Gesang hörten. Weinend sangen sie in den Klassenzimmern ihr „Stille Nacht”. Der Schmerz jedoch, der ihre Herzen brechen ließ, blieb über Jahrzehnte.

Meine Gesprächspartnerin weinte bei der einfachen Erinnerung an die Zeit. Von diesem Schmerz höre ich dieser Tage von einigen unter uns.