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Tante Lilo

Tante Lilo Pixabay.com

Der Tod kommt nie zur richtigen Zeit. Ich habe Tante Lilo kennengelernt als Einwohnerin von Karl-Marx-Stadt. Die waschechte Sächsin war Ehefrau des ältesten Bruders meiner Mutter, Georg.  Sie konnten sich begegnen, nur weil der Krieg gewesen war.

Der kleine Georg im kleinen Dorf bei Guttentag war von Geburt an fast blind.  Als er 6 Jahre alt war, kam er in der Dorfschule. Je höher die Klasse, desto schwieriger war der Unterricht, weshalb der Lehrer für ihn in Breslau eine Bildungsanstalt gefunden hat. Georg startete also seine Ausbildung in der Provinzhauptstadt. Die Trennung vom Dorf, der Familie und Geschwistern war für alle sehr schwierig. Dann kam der grausame Krieg, der Vater musste zur Front, die Mutter blieb mit den Kinder allein. Es gab immer weniger Besuche.

Als im Januar 1945 plötzlich die Flucht angeordnet wurde, musste die Familie aus Guttentag in Trecks in Richtung Tschechien flüchten. Die Schule in Breslau wurde Richtung Sachsen evakuiert.  Kein Kontakt mehr, keine Briefe.  Besonders schmerzhaft war das für die Mutter. Als nach dem Krieg die Familie zurück nach Schlesien, unter polnische Verwaltung kam, fehlte der Georg.  Nach der Rückkehr mussten sie sich das schon besetzte Haus wieder erkämpfen. Dank des Suchdienstes des Roten Kreuzes wurde Georg in Chemnitz gefunden.

Trotz Bitten der Mutter wollte er nicht nach Schlesien zurück. Er war blind, sprach kein Polnisch und in Chemnitz hatte er die Bekannten und Freunde aus der Schule. Er blieb. Dort hat er die körperlich behinderte Liselotte getroffen. Sie haben sich gegenseitig das ganze Leben unterstützt und eine musterhafte Familie aufgebaut. Tante Lilo mit ihrem sächsischen Dialekt war schwierig zu verstehen, aber das offene Herz hat alles ausgeglichen.  Die Sommerferien in Karl-Marx-Stadt sind traumhaft gewesen und die Tante war wie eine Ersatzmutter. Genauso, als sie Schlesien besucht haben. Am Abend spielte Onkel Georg Akkordeon und die Tante Mundharmonika. Gesang und Lachen sind mir in Erinnerung geblieben. Beide behindert, aber immer lustig und nett.

Von klein auf habe ich die beiden, damals aus der DDR, als ein Zeichen des Deutschtums unserer Familie gesehen. Der Onkel hat zwar auch Witze von Antek und Frantzek erzählt, aber nur auf Deutsch, weil sogar „wasserpolnisch“ konnte er nicht.  Auch als der schlesische Onkel gestorben ist, war die Tante ein Bindeglied zwischen uns in Schlesien und der sächsischen Familie.  An jedem Geburtstag  habe ich einen Anruf bekommen, wo die Mundharmonika zuerst „Zum Geburtstag viel Glück“ spielte. Von der Liebe der Kinder und Enkel umgeben, hat sie die letzten Jahre in einem Chemnitzer Pflegeheim verbracht. Vor zwei Jahren konnte ich mit ihr noch ihren 90. Geburtstag feiern, später noch einige Male besuchen und immer mit neuen gestrickten Socken nach Hause fahren.  Die warme Socken werden mich immer an die herzenswarme Tante Lilo erinnern.

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