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Reflexion über vergangene Zeiten

Reflexion über vergangene Zeiten Foto: ANKAWÜ

In der vergangenen Woche konnte ich durch meine Teilnahme an einer Konferenz in München einen lang gehegten Plan umsetzen. Er steht in Verbindung mit den Glasfenstern in der Kirche St. Maria Magdalena in meiner Heimatstadt Guttentag. Sie begeisterten mich schon immer, sowohl durch ihre neutestamentarische Tiefe als auch durch ihren modernen Ausdruck. Als ich auf einer von ihnen las, dass sie auf das Jahr 1934 datiert werden, war ich als Schüler überrascht, dass sie aktueller wirkten als die religiöse Kunst, die in den mir zeitgenössischen 1970er Jahren entstanden ist. Erst kürzlich erfuhr ich dank eines Projekts des DFK Guttentag, dass sie aus der Hand des berühmten deutschen modernen Künstlers Berthold Müller-Oerlinghausen stammen. Von da an begann mein Interesse an diesem Künstler, dessen anderes, ebenso modernes Werk ein in Schneidemühl (Piła) befindliches riesiges Holzkruzifix ist, mutmaßlich das größte in Europa. Der Künstler, der bei der Realisierung unserer Glasfenster mit den Ostdeutschen Werkstätten in Nysa und Breslau zusammenarbeitete, wurde in Westfalen geboren und in Berlin ausgebildet, wo er bis 1940 tätig war. Höchstwahrscheinlich hat er in seinem dortigen Atelier diese beeindruckenden Glasfenster entworfen, die unsere Kirche ununterbrochen schmücken. Nachdem sein Atelier bei einer Bombardierung Berlins völlig zerstört wurde, zog er nach Kressbronn am Bodensee und blieb dort bis zu seinem Tod im Jahr 1979 künstlerisch aktiv. Letzte Woche fand ich mich vor seinem Haus wieder, malerisch am Ufer des Sees gelegen. Und obwohl aufgrund der Pandemie das Museum mit seinen Werken nicht zugänglich ist, hatte ich dennoch den Eindruck, dass ich mich auf meiner Reise von Guttentag zu diesem fernen Ort innerhalb eines einzigen deutschen Kulturkreises bewegte, der bei der Entstehung unserer Glasfenster durch keine Grenzen geteilt war. Weder politisch, noch kulturell, geschweige denn sprachlich. Reflexionen über die vergangene Zeit drängen sich nun unwiderstehlich auf, zumal wir ja Anfang August den 70. Jahrestag der „Charta der deutschen Vertriebenen“ feiern werden. Sie war es damals – formuliert von Schlesiern, Pommeranern, Ermländern, Sudetendeutschen und vielen anderen Gruppen von Deutschen –, die mit Nachdruck das Unrecht der Nachkriegsvertreibung, des Heimatverlustes und der kulturellen Entwurzelung benannte, zugleich aber den einzigen Weg zur Überwindung des Geschehenen durch den Aufbau eines friedlichen und integrierten Europas zeigte.

Bernard Gaida

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