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Vertrauensverlust

Vertrauensverlust Foto: pixabay.com

Als ich in den Nachrichten gehört habe, der Oberste Gerichtshof habe die Ergebnisse der Präsidentschaftswahl bestätigt, dachte ich sofort an den geringen Stimmenunterschied. Dann hörte ich eine Reihe von Kommentaren, die man bei einer so geringen Mehrheit, bei gleichzeitig hohen Kosten, erwarten kann. Im Grunde wurden alle Einsprüche abgewiesen, von denen die Mehrzahl das Engagement des gesamten Staatsapparates für einen Kandidaten angefochten hat. Eines Staatsapparates, der von allen Steuerzahlern, also auch solchen, die Präsident Duda nicht wählen wollten, unterhalten wird.

Formal wurde das Ergebnis anerkannt, es bleibt aber trotzdem eine Leere. Ich weiß nicht, ob das im Folgenden beschriebene Ereignis wahr ist, aber ich hörte, dass während eines Marathons ein ständig an der Spitze laufender Kenianer kurz vor dem Ende wohl die Zeichen falsch verstanden hat: Er meinte, bereits das Ziel erreicht zu haben und blieb deshalb stehen. Ein hinter ihm laufender Teilnehmer hat ihn, ohne lange zu überlegen, geschubst, sodass der Kenianer doch als erster die Ziellinie überquert hatte. Als man den zweiten gefragt hat, warum er die Situation nicht einfach ausgenutzt und sich den Sieg geholt hat, antwortete er: „Aber was würde denn meine Mama dazu sagen? Der Kenianer war doch die ganze Zeit vorn“. Die Moral der Geschichte ist die Ehrlichkeit und das damit verbundene Vertrauen.

Das Vertrauen steckt heute in einer deutlichen Krise, und zwar nicht nur in Polen. Die Demonstration gegen die Politik gegenüber der Corona-Pandemie , die in Berlin den einen Quellen zufolge mehrere zehntausend, anderen zufolge sogar eine Million Protestierende versammelt hatte, war für sich das Ergebnis der Theorie, dass das Corona-Virus eher ein politisches denn ein medizinisches Thema ist. Diese Demonstration basierte auf dem Vertrauensverlust gegenüber Politikern, Mainstreammedien und der Wissenschaft. Die Gesellschaften verlieren das Vertrauen zu Institutionen, die früher das Bollwerk des gesellschaftlichen Vertrauens gewesen sind. Es reicht, nur auf die Kirche zu schauen, die das Vertrauen wegen der erschütternden Pädophilen-Skandale verliert, aber auch wegen der anstößigen, pompös ausgerichteten zweiten Vermählung eines prominenten Politikers mit stark strapaziertem Ansehen, nachdem seine erste Ehe für nichtig erklärt wurde.

Ein altes Sprichwort besagt, Hochmut kommt vor dem Fall. Der Fall ist die Folge des Vertrauensverlustes, der in verschiedenen Bereichen gefährlich ansteigt. Von einer Vertrauenskrise sind die Europäische Union sowie die NATO betroffen, wir glauben den Medien nicht mehr. Doch, kann man ohne Vertrauen in die Regierenden, die Prozeduren, die Normen oder gar die Ärzte leben? Wird die Vertrauenskrise nicht die Integrationsprozesse ausbremsen, die so große Hoffnungen geweckt haben? Ein Wiederaufbau des Vertrauens erfordert die Rückkehr zu solch einfachen Grundsätzen, wie diesem: „Was würde denn die Mama sagen?“. So wenig und doch so viel, dass es unmöglich erscheint.