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Armin Laschet, ein neues Kapitel

Die Wahl des Vorsitzenden der CDU, einer Partei, die Friedrich Merz als die letzte christliche Volkspartei Europas bezeichnete, ist abgeschlossen. Es bringt also nichts, in der Zeitung der Deutschen in Polen zu überlegen und zu analysieren: „Was wäre, wenn“. Einerseits sind die Medien voll von Parolen, dass die Wahl der Parteiapparat, und nicht ihre Basis getroffen hat sowie dass dies das Ende der CDU-Partei ist. Andererseits aber – dass es eine Wahl ist, die den Erfolg der letzten 16 Jahre der Regierung von Bundeskanzlerin Merkel fortzusetzen hat.

Ich habe 2018 in Aachen persönlich mit Armin Laschet gesprochen. Das war lediglich ein kurzes Gespräch bei der Verleihung des Polonicus-Preises an Donald Tusk. In diesem Zusammenhang ist es wert zu erwähnen, dass einer der wenigen Gäste des online-Parteitags der CDU gerade Donald Tusk war. Und ähnlich wie damals in Aachen äußerte er seine Gedanken über die EU, ihre Werte und die Rolle von Deutschland in dieser Gemeinschaft. Gestern bedankte er sich für die standhafte, pro-europäische Haltung der CDU, für ihre Geduld und Kreativität angesichts der EU-Probleme, aber auch für ihre Anständigkeit. Er betonte, dass es heute selten ist, eine Partei als anständig zu bezeichnen.

Zurück zu Laschet: Nach unserer Ansicht einer Minderheit muss man betonen, dass − selbst wenn ihm vorgeworfen wird, nicht das Charisma zu haben, das zum Gewinn des Vertrauens der Deutschen nötig ist − bedeutet seine Wahl eine Fortsetzung. Eine Fortsetzung, die er selbst in seinen Worten betont hat: Dass die CDU eine Partei der Mitte bleiben muss. In den letzten Dutzend Jahren hatte die Unterstützung für uns in Minderheiten lebende Deutschen in allen Regierungskoalitionsprogrammen ihren Platz. Als ich mit der Arbeit am neuen CDU-Basisprogramm begann, wandte ich mich an die Vorsitzende Annegret Kramp-Karrenbauer, besorgt darüber, dass ich unter den Hauptthemen einer breiten Debatte nicht das Thema der Vertriebenen oder der Verantwortung für die Minderheiten finden konnte. Ich wurde damals versichert, dass dieses Thema so tief verwurzelt ist, dass es niemals aus der CDU-Optik verschwinden wird.

Diese unsere Erwartung geht auf Armin Laschet über. Und irgendwie bin ich ruhiger, denn seine Regierung von NRW die Mitarbeit mit der deutschen Minderheit als unverzichtbaren Element des Partnerschaftsabkommens mit Woiwodschaft Schlesien eingetragen hat. Selbst das zeigt, dass ich in ihm eine für uns offene Person erwarte. Und was für welche Position die CDU nach neuen Bundestagswahlen haben wird, ist ein anderes Thema.

Bernard Gaida

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Erinnerung muss das einzige Ziel sein

Als ich die Bemühungen der deutschen Initiatoren einer Idee beobachtete, polnische Opfer der Besatzungszeit in Berlin durch Errichtung eines Denkmals zu würdigen, habe ich vermutet, dass es zu Zwietracht kommen könnte. Trotz der Pandemie gelang es mir, Ende September den Bundestag zu besuchen, wobei ich in Gesprächen mit manchen Abgeordneten eine ähnliche Besorgnis wahrnahm. Zu diesem Zeitpunkt war jedoch bereits sicher, dass nahezu alle parlamentarische Fraktionen für den, wie man angenommen hat, einzigen Erinnerungsort mit nationalem Charakter stimmen würden.

Diese eine eher naive Annahme basierte auf einer fast gleichzeitigen Entscheidung, in Berlin einen Erinnerungsort an die deutschen Opfer des Zweiten Weltkrieges in ganz Europa zu schaffen. Vielleicht wäre es so gewesen, hätte der polnische Botschafter Andrzej Przyłębski nicht bereits im Mai einen Brief an seinen ukrainischen Kollegen Andrij Melnyk geschickt, der in Form einer Anweisung die Anzahl und zumal die Würde der ukrainischen Kriegsopfer infrage gestellt hat. Im Brief fällt Überheblichkeit auf und ein uns in Polen bekanntes Motto, dass „mein Leid größer ist als Deins“. Dieser Brief wurde wiederum zum Ausgangspunkt für die Intervention des ukrainischen Botschafters bei den Bundestagsabgeordneten, der vor einer Instrumentalisierung der Geschichte warnte und vor der Tendenz der Polen, die Rolle der „Märtyrer des Zweiten Weltkriegs“ zu monopolisieren.

Man braucht nicht zu erwähnen, dass diese aufgedeckte Polemik der Botschafter, die ungeachtet der gefassten Bundestagsbeschlüsse geführt wurde, in Deutschland Besorgnis weckt, dass die Frage eines in einer Art neuen polnisch-ukrainischen Krieges um die Geschichte nicht bloß bei der Korrespondenz endet. Eine Art Verminderung des Leidens der Ukrainer im Vergleich zu den polnischen Opfern, die Vorwürfe der Kollaboration mit den Nazis genutzt als Argument gegen das Recht, ein „eigenes“ Denkmal zu besitzen, erinnern an ein „Hausieren“ mit der Tragödie der Menschen. Die wichtigste Schlussfolgerung dieses Streits zwischen zwei Nachbarn in einem dritten, fremden Hof ist die Tatsache, dass die Erinnerung an die Opfer nur einen Zweck haben kann: ihrer ehrenvoll zu gedenken. Jeder Versuch, nach Nationalität, Größe, geografischer Lage u. a. zu vergleichen oder zu relativieren, führt dazu, dass die Folgen eines Vorhabens zum Gegenteil seiner selbst werden. Dass sie trennen, anstatt in würdevoller Erinnerung zu vereinen.

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Botschaft aus Rom

Wir sind daran gewöhnt, dass die Weihnachts- und Neujahrszeit erfüllt ist von Botschaften und Ansprachen. Auch ich wende mich seit Jahren mit einem Neujahrsbrief an die in Polen lebenden Deutschen und versuche, sowohl auf das vergangene Jahr als auch auf die Zukunft einzugehen. Diesmal war es nicht leicht für mich, den Brief zu verfassen, denn während des Schreibens musste ich gegen die Auswirkungen der Krankheit ankämpfen, die so viele Millionen Menschen betroffen und so viele vorzeitig aus dem Leben gerissen hat. Daher empfand ich ganz persönlich die Worte Papst Franziskus´ zum Weltfriedenstag, der alljährlich am 1. Januar begangen wird.

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Neujahrsbrief: „Einmal gewählt, muss ich jeden Tag eine Wahl treffen“ – hl. Augustinus

Liebe Landsleute, Mitglieder der deutschen Gemeinschaft in Polen, unsere Sympathisanten und Freunde,

ich wende mich an Sie als Präsident des VdG in Polen nun schon traditionell anlässlich des Neuen Jahres. Vor einem Jahr hatte ich folgende Worte Dietrich Bonhoeffers zum Motto meines Neujahrsbriefes ausgewählt:

„Von guten Mächten wunderbar geborgen,
erwarten wir getrost, was kommen mag.
Gott ist bei uns am Abend und am Morgen
und ganz gewiß an jedem neuen Tag.“

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Gemeinsame Erfahrung

Im vergangenen Jahr hat der VdG beschlossen, das Jahr 2020, in dem 75 Jahre seit Ende des Zweiten Weltkrieges vergangen sind, besonders einer immer noch wenig bekannten Wahrheit zu widmen, und zwar der, dass für die Deutschen östlich von Oder und Neiße mit diesem Jahr der Krieg nicht zu Ende gegangen ist. Eigentlich nur in Oberschlesien, zunächst nur durch unsere Organisationen, später in Zusammenarbeit mit anderen schlesischen Vereinen, ist es gelungen, dass das Drama der Deutschen unter dem Namen „Oberschlesische Tragödie“ in der Öffentlichkeit bekannt wurde. Aber nur dort.

Deshalb haben wir als VdG, trotz der Beschränkungen in diesem Pandemiejahr, neben Gedenkveranstaltungen in Lamsdorf und zum ersten Mal auch in Potulitz bei Bromberg, eine wissenschaftliche Konferenz organisiert, die dem Drama der Deutschen in allen Regionen des heutigen Polens gewidmet war. Die Konferenz am vergangenen Samstag, die wiederum vom Oberschlesischen Eichendorff-Kultur- und Begegnungszentrum unter dem Titel „Oberschlesische Tragödie“ organisiert wurde, war wohl das letzte Ereignis, das diesem Thema gewidmet war.

In meinem Referat habe ich gesagt, auch wenn das Jahr 1945 zweifellos ein tragisches für Oberschlesien gewesen ist, wäre es unehrlich, dieses nicht in Verbindung mit der gesamten Tragödie zu sehen, die den Deutschen widerfahren ist - von der Oder bis zur Kamtschatka sowie auch zwischen der Adria, dem Schwarzen Meer und der Ostsee. Ich habe dazu Zahlen vorgelegt, die den Umfang der Verheerung zeigen. Die Daten sind zerstreut, doch man kann sie zusammenstellen und dann wird sichtbar, dass auf diesem Gebiet, auf dem heute die deutschen Minderheiten zusammen ca. 1 bis 1,5 Millionen Menschen ausmachen, vor dem Kriegsausbruch mehr als 25 Millionen Deutsche lebten. Flucht, Vertreibung, Deportationen und dann letztendlich Ausreisen betrafen also 95% dieser Gemeinschaft. Einige Millionen haben nicht überlebt.

Der Umfang dieser Nachkriegstragödie ist unbekannt, vor allem durch die jahrelange Tabuisierung und wenn daran trotzdem erinnert wird, dann aufgeteilt auf einzelne konkrete Staaten und Regionen. Dabei war sie doch geplant und im großen Maße mit den Alliierten überregional abgesprochen. Ihre schwache Wahrnehmung und ungenügende juristisch-moralische Bewertung führt laut Prof. A. de Zayas dazu, dass sie trotz ihrer historischen Außergewöhnlichkeit, wenn es um den Umfang geht, Europa nicht vor einer Wiederholung bewahrte in Form von ethnischen Säuberungen in Jugoslawien. Das richtige Gedenken und die Benennung eines jeden Verbrechens ist eine Aufgabe für die Zukunft und für den Frieden.

Den Befürwortern der Relativierung des Nachkriegsschicksals der Deutschen im Osten zitiere ich einen interessanten Satz de Zayas‘: „Der Zweite Weltkrieg war zwar der Anlass, nicht aber die Ursache der Vertreibung”. Es ist daher gut, dass in der Ansprache von Bundespräsident Steinmeier aus Anlass des Jahrestages des Kniefalls von Willy Brandt als Ballast der Vergangenheit neben den deutschen Verbrechen der Kriegszeit auch das Nachkriegsverbrechen der Vertreibung genannt wurde.

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Einmal gewählt…

Eine nationale Minderheit zu sein, egal in welchem Land, bedeutet immer einen Kampf um und mit etwas zu führen. Und ich nutze hier das Wort „Kampf“ als eine permanente Notwendigkeit der Wahl. Sehr gut formuliert es der Heilige Augustinus: „Einmal gewählt, muss ich jeden Tag eine Wahl treffen“.

Diese tägliche Bestätigung seiner Treue zur eigenen Tradition, Kultur oder der Sprache bedeutet gegen den Strom schwimmen, ja mit ihm kämpfen. Nur die Einwilligung zur Assimilation und ein Schwimmen mit dem Strom bedeutet diesen Kampf nicht. Jedes bewusste Mitglied einer Minderheit wird also zu einem Kämpfer, auch wenn er meistens mit sich selbst kämpfen muss. Meistens ist die ihn umgebende Welt diesem Kampf nicht wohlgesinnt, denn er lebt in einer anderen Kultur, einer anderen Sprache und Tradition. Was das Ringen mit der Realität braucht, ist ein Gefühl des Stolzes über die Minderheitsidentität und alles, was sie ausmacht. Ein solches Gefühl brauchen Deutsche in Deutschland weniger als jene in Polen, Tschechien oder Russland. Manchmal aber wird die Außenwelt unbewusst diesem Kampf und dem positiven Stolz wohlgesonnen. Einem positiven Stolz, denn er dient nicht dem Hochmut sondern der eigenen Identifikation.

Der Advent hat begonnen, der uns zu Weihnachten führt. Und auch wenn viele von uns die Kommerzialisierung dieser Zeit kritisch bewerten, bringt sie trotzdem eine charakteristische Atmosphäre mit sich. Seit Sonntag gibt es in den Häusern, Kirchen und anderen Orten Adventskränze und –kalender. Trotz Pandemie werden die Straßen mit weihnachtlicher Beleuchtung geschmückt und die Christbäume, eh sie in unseren Häusern auftauchen, werden schon an öffentlichen Plätzen aufgestellt. Dies geschieht praktisch auf der ganzen Welt. Und wenn die Feiertage kommen, erklingt um uns herum das bekannteste Weihnachtslied „Stille Nacht“.

Dann können wir uns mit unserer Identität einfach stolz fühlen darauf, dass all die Symbole aus unserem deutschen Kulturkreis stammen. Auch wenn sie oftmals aufgehört haben Teil des religiösen Erlebens der Geburt Christi zu sein, bleiben sie weiterhin ein Synonym der Freude, Wärme und Familienliebe. Möge es uns danach leichter sein, täglich die Treue zu eigenen Identität in Freude und Frieden zu wählen.

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