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Olga Tokarczuk und Schlesien

Die Emotionen nach den Parlamentswahlen haben nachgelassen. Die Analysen werden noch andauern. Als einer der Kandidaten der Deutschen Minderheit habe ich eigene Reflexionen, und zwar dank der Treffen in Dutzenden von Ortschaften der Woiwodschaft mit Wählern, die zumeist zu den alteingesessenen Bewohnern Schlesiens gehören und sich dessen bewusst sind. Nicht immer identifizieren sie sich dabei mit der Deutschen Minderheit. Diese Begegnungen verdanke ich den Wahlen, doch ihr Umfang überstieg oft die Perspektive der bevorstehenden Wahlen.

Die letzte Woche vor dem Wahlsonntag war bestimmt von der Nachricht über den Nobelpreis für Olga Tokarczuk. Die Bedeutung dieses Preises verstehen wir, die sich mit der deutschen Kultur identifizierenden Schlesier, besonders gut, denn seit jeher zählen wir zu den wichtigen Elementen der schlesischen Identität die Riege der schlesischen Nobelpreisträger. Als langjähriger Leser der Prosa Tokarczuks habe ich mich sehr gefreut und reihte mich zu den vielen dazu, die ehrlich die Entscheidung des Nobelpreis-Komitees lobten. Unehrlich taten es die Mitglieder der Regierung und Parteiaktivisten, die die Schriftstellerin als „intellektuellen Schädling“ ansehen. Dies erinnerte mich an den Tag, an dem Karol Wojtyła zum Papst gewählt wurde. Die damaligen Medien brauchten einen ganzen Tag, um eine Stellungnahme der Polnischen Vereinigten Arbeiterpartei zu erhalten, um erst in den Abendnachrichten die vorsichtige Meldung zu bringen, dass diese Wahl "eine besondere Anerkennung der Leistungen der Volksrepublik Polen und der Bedeutung des polnischen Volkes" ist.

Ein Internetuser, der sichtlich überrascht gewesen ist, dass auch auf den Seiten der deutschen Minderheit über den Nobelpreis für Tokarczuk geschrieben wurde, fragte: „Was haben denn die Deutschen mit Olga Tokarczuk gemeinsam?“ Diese Frage lässt uns darauf hinweisen, was Gegenstand des Streites der Schriftstellerin mit der derzeit in der Regierung vorherrschenden Ideologie ist, und zwar die Offenheit. Die polnische Schriftstellerin mit ukrainischen Wurzeln, die in Züllichau geboren wurde und in Schlesien aufgewachsen ist und sich mit dieser Region verbunden  fühlt, öffnete sich für deren deutsche Kultur und wurde auf das deutsche Schicksal der Vertreibung und des Heimatverlustes aufmerksam. Das fühlt auch der Zuschauer des Films "Die Spur" (Pokot), der auf ihrem Roman basiert. Der Leser des Buches "Taghaus, Nachthaus" (Dom dzienny, dom nocny) bewegt sich zwischen Polen aus dem Osten und Deutschen sowie deren Geschichten, die sich im kulturellen Grenzgebiet durchdringen. Albendorf, das heutige Wambierzce, die heilige Wilgefortis, Franz Frost und der sehnsüchtige Peter Dieter, der nach Jahren weiß, "dass er zu spät gekommen ist, denn er ist zu alt für Rührungen" und auf dem Wanderweg an der polnisch-tschechischen Grenze stirbt mit Erinnerungen an die Krippe in Albendorf.

Olga Tokarczuk ist mit den Deutschen verbunden, weil sie unser Schlesien fühlt.

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