Log in

Geschichte wiederholt sich

Zum Lied „Dein Schmerz ist besser als meiner“ (poln.: „Twój ból jest lepszy niż mój”), seiner Entstehung und der unerwarteten Konsequenzen wurde wohl schon alles gesagt. Auch ich gehörte jahrzehntelang zu den Hörern der „Trójka“ (des dritten Programms des polnischen Rundfunks, Anm. d. Red.). Es begann, als ich in die Oberschule kam, also zur Jahreswende 1973-1974. Es war wie ein Ventil der Freiheit, der Satire und der Musik in der Volksrepublik.

Doch ich will nicht darüber schreiben, sondern über einen mit dem Rundfunkprogramm verbundenen Vorfall, der dazu führte, dass sich in dieser Woche die Geschichte wiederholt hat. Im Mai 1982, als ich in Gleiwitz war, hörte ich, dass beim Mickiewicz-Denkmal eine Demo stattfinden sollte. Es war der sechste Monat des Kriegsrechts. Die Emotionen waren aufgewühlt, doch trotz der Freiheitsbeschränkungen war ich überzeugt, dass das Kriegsrecht der Anfang vom Ende des Systems ist. Aufgrund dieses Gerüchtes begab ich mich zum Denkmal und stellte mich ihm gegenüber an einer Straßenbahnhaltestelle hin. Damals fuhr dort noch die Tram. Ich habe lange gewartet, aber es kam zu keiner Demo und das einzige, das man gesehen hatte, waren Polizeiwagen in den Nebenstraßen und viele Polizisten. Da wegen der ausgebliebenen Demo ich nicht an ihr teilnehmen konnte, beschloss ich, mich auf den Heimweg zu begeben, als auf einmal eine Gruppe von Polizisten erst meinen Ausweis sehen wollte, diesen mir dann wegnahm und mich schließlich informierte, ich sei festgenommen. Auf meinen Einwand hin, dass ich doch nur an der Haltestelle gestanden bin, es also keinen Grund zur Festnahme gibt, hörte ich eine überraschende Antwort. Der Polizist sagte mir nämlich, ich sei beobachtet worden und obwohl alle Straßenbahnen vorbeigefahren sind, stieg ich in keine ein. Ich spaziere also nicht und kam nicht zur Haltestelle, um irgendwo hin zu fahren, deswegen erfolgte die Festnahme.

38 Jahre später - und ich höre letzte Woche ein fast identisches Gespräch am Sitz des 3. Polnischen Radioprogramms in Warschau. Eine festgenommene und kontrollierte Frau antwortet auf die Frage des Polizisten, was sie da tue, sie gehe spazieren. Der Polizist sagte daraufhin: „Sie haben aber angehalten und stehen hier!“ Ich weiß nicht, wie die Situation ausging, aber das ist unwichtig. Wichtig ist, dass der Grund für die Festnahme nicht die aktive Teilnahme an einer Demo ist, sondern die eventuelle Bereitschaft dazu. Potentielles Demonstrieren. Und in diesem Kontext sind beide Situationen – meine in Gleiwitz  zu Zeiten des Kriegsrechts und die der Frau in Warschau Anno Domini 2020 – gleich. Das ruft meinen Widerspruch hervor, damals wie heute. Doch vor allem ist es für mich eine Warnung.

  • Publiziert in Blogs

Wir fühlen uns verwundet

Diese Kolumne schreibe ich an jenem Tag, an dem trotz Pandemie in ganz Polen versucht wird, Johannes Paul II., der genau vor 100 Jahren geboren wurde, würdig zu gedenken. Zugleich kann man, wenn man sich zur Hasssprache gegenüber Schlesiern äußern möchte, die gerade das Internet überflutet und fast gleichzeitig beide oberschlesischen Woiwodschaften betrifft, vielfach Zitate des Papstes aus seiner Botschaft „Um Frieden zu schaffen, Minderheiten achten“ nutzen.

In einem Teil unserer Region boten Bergarbeiter Anlass zur Hasssprache, da unter ihnen - mehr als im Durchschnitt - Fälle von Corona-Infizierungen vorkommen. In einer anderen Gegend trifft der Hass die deutsche Minderheit, deren Gemeinderätin aus Himmelwitz den Antrag einbrachte, zusätzliche deutschsprachige Schilder am Gemeindegebäude anzubringen. Sowohl die einen wie die anderen sind Schlesier (zumindest werden sie in der allgemeinen Öffentlichkeit so gesehen), daher konzentriert sich ein Hauptaugenmerk des Hasses auf den national-ethnischen Aspekt. Gewiss kommt ein großer Teil der Aussagen von der sog. Generation JPII, daher lege ich ihnen die Lektüre der päpstlichen Botschaft nahe.

Ich möchte mich jedoch auf Hegel berufen, der meinte, das Antriebsrad der Menschheitsgeschichte sei immer der Kampf um Anerkennung gewesen. Doch es reicht nie eine deklarierte Anerkennung allein. Diese muss zu einer konkreten Anerkennung des Heimatrechts, der Gleichheit und des würdigen Umgangs werden. Wenn der Antrag einer Schlesierin in Schlesien für das Recht auf die deutsche Sprache neben der polnischen am Amtsgebäude ihrer Gemeinde Kommentare hervorruft wie „wenn die polnische Sprache nicht gefällt, dann ab zu Merkel, hier braucht sie keiner“ und als Reaktion auf die Erkrankungen unter den schlesischen Bergarbeitern zu lesen ist „nichts passiert, wenn es weniger von ihnen gibt“ oder „endlich stirbt die deutsche Option aus“, dann bedeutet es, dass mit der Anerkennung der gleichen Würde etwas schief läuft. Man muss dabei ehrlicherweise hinzufügen, dass die Mehrheit der Politiker deklariert, sich von einem solchen unbürgerlichen Umgang mit Schlesiern zu distanzieren, doch ich habe das Gefühl, dass die einen es aus Angst vor den Bergarbeitern tun, die anderen wegen des Wahlkampfes und noch andere schweigen.

Obwohl angegriffen, fühle ich keine ökonomische oder juristische Gefahr, aber wir fühlen uns tief verwundet. Nichts tut mehr weh, als die mit Füßen getretene Würde, die zum Nichts-Sein verurteilte Identität, das infrage gestellte Recht auf Heimat. Daher muss sich die Gemeinschaft um diese Werte konsolidieren und dabei die Gedanken Hegels in Erinnerung behalten. Allen, die damit nicht einverstanden sind, zitiere ich Francis Fukuyama: „Wir können vom Denken über uns und unsere Gesellschaft in Identitätskategorien nicht weglaufen. (…) Identität kann man zum Teilen benutzen, aber auch wie früher zur Integration. Dies wird unterm Strich das Mittel gegen den Populismus unserer Zeit sein“.

  • Publiziert in Blogs

Freudige und tragische Jahrestage

Der Maianfang machte deutlich, dass die Menge an Jahrestagen so groß ist, dass manche sich darin nicht mehr zurechtfinden. Manche Jahrestage wurden vergessen, bei anderen wird übertrieben oder zumindest nicht zu Ende nachgedacht. Schauen wir nur auf zwei von ihnen.

Viele haben den 1. Mai als folgenden Jahrestag der EU-Erweiterung vergessen, deren der Nutznießer u.a. Schlesien gewesen ist. Vor 16 Jahren wurden alle Teile Schlesiens sowie die Staaten, auf die die Region aufgeteilt wurde, Mitglied einer Gemeinschaft. Die Staatsgrenzen sind nicht verschwunden, aber im Schengener Abkommen verschwand ihr repressiver Charakter. An diesem Tag war es wichtig, in zwei Zitate der Schuman-Erklärung hinein zu hören, der die Gründung der Europäischen Wirtschaftsgemeinschaft (EWG) für Kohle und Stahl als ersten Schritt zum Entstehen einer europäischen Föderation angesehen hat. Dieser Weg dauert nun schon lange an, sein Sinn aber hat sich bewahrheitet. Schuman sagte, „ohne Europa haben wir Krieg gehabt“. Es hat sich gezeigt, dass allein die Bildung einer Gemeinschaft uns seit Jahrzehnten Frieden bescherte. Den Gegnern des Integrationsprozesses und den Befürwortern der Überlegenheit der nationalen Interessen gegenüber den gemeinschaftlichen sollte dies in Erinnerung gerufen werden.

Man muss den Kritikern aber auch sagen, dass „Europa nicht sofort und nicht als Ganzes“ entsteht. Die Entstehung von Europa ist die Überwindung vieler Teilungen, wie die in Schlesien im Jahr 1921. Sie waren immer verschuldet. Während einige immer noch unreflektiert Anfang Mai die Helden des vermeintlichen „Aufstandes des schlesischen Volkes“ ehren, sollten sie dies bereits mit neuen Forschungsarbeiten polnischer Historiker vergleichen. Sie sprechen mutig davon, dass der Blick auf die Aufstände, vor allem aber auf den dritten, sich ändern müsse. Prof. Kaczmarek nennt sie einen unbekannten „deutsch-polnischen Krieg“ und die These, dass es eher ein polnischer Aufstand in Schlesien und kein schlesischer Aufstand gewesen ist, ist ihm nicht fremd. Die Eliten der Aufstände aus Schlesien erhielten seit langem einen Sold aus Polen. Neben einer diplomatischen Aktion war es eine großangelegte Aktion des polnischen Militärgeheimdienstes, dessen Ergebnis der Transport von Soldaten nach Schlesien (entgegen den internationalen Regelungen), von Waffen und Offizieren war - alles unter dem Deckmantel eines Bruderkampfes unter den Schlesiern selbst.

Ich hatte Anteil daran, dass bei seinem Besuch auf dem Annaberg der damalige Staatspräsident Komorowski auch die deutschen Oberschlesier ehrte, die den Berg und ganz Schlesien verteidigten in der Überzeugung, ein Recht zu haben auf dessen Verteidigung und den Traum, die Region möge bei Deutschland verbleiben. Deshalb kann man heute, aus der Perspektive des sich vereinenden Europas, das Gedenken an den Kampf um Schlesien von vor 100 Jahren nicht im alten Stil begehen. Das sich auf dem Annaberg befindende Denkmal steht an der Stelle des nach dem Krieg gesprengten Mausoleums zu Ehren der deutschen Verteidiger des Berges. Möge eines Tages aus beiden Denkmälern ein gemeinsames entstehen, das aller Gefallenen gedenkt, die in den Kampf geführt wurden von Politikern, die ihrerseits eine Grenzveränderung entgegen der Ergebnisse der Volksabstimmung herbeiführen wollten, dabei aber ruhig in ihren Amtszimmern in Warschau, Posen, Paris oder wo auch immer saßen.

  • Publiziert in Blogs

Das Land nach dem 10. Mai

Seit einigen Wochen versuche ich, politische Themen zu vermeiden, doch so ganz geht es nicht. Vor Kurzem habe ich darüber geschrieben, dass die polnischen Nachrichten, die schon immer einen Hang zu Provinzialität und einem Übersehen der globalen Probleme hatten, in Zeiten der Pandemie gänzlich egoistisch wurden. Auf einmal bemerkten sie nicht die Tragödie des Hungers in der Welt, der Flüchtlinge in Griechenland und des Konfliktes in der Ukraine. In der letzten Zeit hat sogar die Pandemie an Bedeutung verloren und man hat den Anschein, dass sich die ganze Welt um die Präsidentenwahl in Polen dreht. Doch in der Allgemeinheit,  sowohl in den Medien als auch unter den Menschen, liegt der Akzent eher auf der epidemiologischen Gefahr bei der Durchführung der Wahl. So verliert die Diskussion an Rationalität.

Klar sind die Pandemie und die Ansteckungsgefahr während der Wahl von immenser Bedeutung. Doch  paradoxerweise spielt für den Kern der Wahl in einem demokratischen Land die Frage, wie lange das Virus auf einem Blatt Papier überdauert, eine untergeordnete Rolle. Denn mit hygienischer Vorsorge kann man gewiss erreichen, dass niemand direkt gefährdet wird. Viel wichtiger ist die Tatsache, dass die Pandemie in den letzten Wochen dazu führte,  dass die wichtigste Voraussetzung für eine demokratische Wahl nicht erfüllt wurde, nämlich die Informationen und die Möglichkeit, sich mit den Wahlprogrammen der Kandidaten vertraut zu machen. 

Wahlen sollten allgemein, geheim, direkt und gleich sein. Durch Manipulationen am Wahlgesetz, die Art ihrer Durchführung und die Degradierung der Polnischen Wahlkommission ist die Allgemeinheit, Geheimhaltung und Direktheit gefährdet. Auch, wenn dem nicht so wäre, kann man den Grundsatz der Gleichheit der Kandidaten nicht wiederherstellen. Die Möglichkeit, einen Wahlkampf zu führen durch den amtierenden Präsidenten, wenn gleichzeitig für die anderen Kandidaten Beschränkungen gelten, führt zu einer Situation, in der sich das Wissen der Bürger über die Kandidaten auf einige Namen beschränkt. Nach der Anzahl der Kandidaten gefragt, gibt jeder die Zahl fünf oder sechs an, dabei stellen sich letztendlich zehn Personen zur Wahl.

Haben die weniger bekannten Kandidaten irgendeine Chance, um in der Situation von Versammlungsverboten, Reisebeschränkungen und einem fehlenden Zugang zu zentralen Medien die Wähler zu erreichen? Ermöglicht die Reduzierung des Wahlkampfes zum Streit, ob, wie und wann die Wahl  durchgeführt wird, dass man sich mit dem Programm der Kandidaten vertraut machen kann? Motivierte die Situation die Kandidaten dazu, überhaupt ein Programm zu schreiben? Auf diese Fragen muss man ehrlich mit Nein antworten. Und das bedeutet, dass ich als Wähler meines Rechtes auf rationelle Analyse und bewusste Entscheidung beraubt wurde, womit der Sinn solcher einer Wahl und einer Teilnahme daran in Zweifel steht. Was wird die Wahl  nun sein, wenn sie stattfindet? Und was wird aus einem Land, in dem der Präsident auf diese Art gewählt wurde?

  • Publiziert in Blogs

Erinnerung an Leppich

Vor ein paar Tagen habe ich zufällig entdeckt, dass am 16. April vor 105 Jahren O/S Pater Johannes Leppich in Ratibor geboren wurde. Auch wenn heute viele schon gar nichts mehr über ihn wissen, gehörte er seinerzeit absolut zum Kreis der bekannten Oberschlesier. Auch mir war er bekannt, obwohl ich nie eine Möglichkeit hatte, ihn persönlich zu treffen. Leider war ich am 20. Juli 1990 nicht in Lubowitz anwesend, als Pater Leppich vor der Eichendorff- Schlossruine, im Rahmen der großen Europakundgebung mit Otto von Habsburg an der Spitze, gepredigt hat. Damals war dort die Rede von Oberschlesien als „Südtirol des Ostens“ gewesen.

Zwei Jahre später starb Pater Leppich in Münster. Aber mir blieb er seit den Kindheitstagen in Erinnerung, und zwar als Stimme auf Schallplatten, später auf Tonbändern und Kassetten mit den Aufnahmen seiner Predigen aus deutschen Städten,  mit Strassengeräuschen im Hintergrund. Diese Aufnahmen wurden in den schlesischen Häusern mit Frömmigkeit gehört. Der Name “Strassenprediger” war für uns, im damaligen totalitären Staat Lebende, ein Synonym für Religionserweckung und Religionsfreiheit zugleich.

Als Pater Leppich in den 50er und 60er Jahren nicht nur vom Dach eines Autos, sondern sogar von einem Tisch auf der Hamburger Reeperbahn predigte, herrschte in Polen ein Kampf der Partei gegen die Kirche. Kardinal Wyszyński war festgenommen, das Bild der schwarzen Madonna war in Tschenstochau eingesperrt, die Pfarrer wurden bestraft für nicht bezahlte Mieten, eine Gruppe der sog. Patrioten-Priester war eine Gefahr innerhalb der Kirche. Nicht denkbar war, dass ein Priester irgendwo an einer Kreuzung predigte, ohne festgenommen zu werden. Dazu kam noch der Stolz, dass Pater Leppich als Schlesier in Deutschland von Tausenden gehört wurde, verbunden mit der Annahme, seine harte Kritik des Konsumptionismus als indirekte Bestätigung unseres Verbleibs in Schlesien, wo noch die traditionellen Werte lebendig waren, als richtige Entscheidung zu bewerten.

In diesem Zusammenhang sehe ich ein Bild der geschlossenen Küche, wo meistens rund um den Tisch die Frauen saßen und mit roten Backen ängstlich, ob nicht ein Spitzel an der Straße die deutsche Sprache hört, still die raue Stimme Leppichs aus dem Grammophon kontemplierten. Eines Tages erklärte er, dass er an derartig ungewöhnlichen Orten predigte, weil er „ an ein Publikum heran muss, das keinen Weihrauch mehr riechen kann“.  In der Zeit der Pandemie, wo alle in geschlossenen Wohnungen sitzen, in der die Kirchen so wie auch Restaurants leer sind, führt die Erinnerung zu solchen Bildern zurück.

  • Publiziert in Blogs

Egoismus darf nicht trendy sein

Ich habe einen Zeitungsartikel gelesen, dessen wichtigste Frage lautete: Was, wenn sich herausstellt, dass das schwedische Modell, also der Kampf gegen die Epidemie, ohne die Wirtschaft und die Gesellschaft zu ruinieren, der richtige ist? Ich muss zugeben, dass dies eine düstere Lektüre ist, vor allem für die pleitegehenden Restaurantbesitzer und Hoteliers nicht nur in Polen, die über volle Biergärten in Schweden lesen. Sogar in Berlin ruft die Skala der polnischen Beschränkungen Verwunderung hervor, darunter das berühmteste und vor allem auf dem  Land wirklich unverständliche Verbot, in den Wald zu gehen. Es ist doch epidemiologisch gesehen nirgendwo sicherer als allein zwischen Bäumen zu sein.

Für immer wird uns das Osterfest 2020 im Gedächtnis bleiben und das vielleicht weniger wegen der Unmöglichkeit, in die Kirche zu gehen, als vielmehr durch das Bild der einsamen Person in Weiß, Papst Franziskus, auf dem leeren Petersplatz oder im leeren Petersdom. Und auch wenn er in seinem Ostersegen Urbi et Orbi vom christlichen „Recht auf Hoffnung“ sprach, war die Trauer in seinem Gesicht deutlich sichtbar. Ich bin überzeugt, dass die Verantwortung für das gesprochene Wort in der Zeit des optimistischsten Festes der Christenheit, das während der Pandemie gefeiert wird, die täglich Tausende aus dem Leben reißt, seine Gedanken zerriss.

Wir haben uns daran gewöhnt, dass die Päpste zu diesem Fest immer zum Frieden aufgerufen haben. Früher bewirkten die Worte des Papstes, dass für wenige Tage die Kanonen still wurden. Die letzten Jahrzehnte lehrten uns aber, dass die Worte aus Rom keinen Einfluss  mehr auf die Konflikte hatten. Doch Franziskus, eine der wenigen moralischen Autoritäten der Welt, wohlwissend um die geringe Wirksamkeit seiner Appelle, darf nicht nicht zu Frieden im Jemen, der Ukraine oder Palästina aufrufen. Jemand muss die Stimme des Gewissens sein. Das Gewissen spricht ja lauter, je weniger es gehört wurde. Das Besondere des diesjährigen Appells besteht darin, dass niemals zuvor alle Seiten der unterschiedlichen Konflikte von ein und demselben Feind dezimiert wurden.  Und nichts verbindet mehr als ein gemeinsamer Feind. Wenn dieser also die Kräfte der wissenschaftlichen Labors und in vielen Ländern die Politiker der unterschiedlichen Lager verbunden hatte, sollte er doch auch die Konflikte abklingen lassen können.  Doch geschieht dies auch?

Die Bedeutung der Worte des Papstes ist besonders wichtig für den Konsumenten polnischer Medien.  In Zeiten der Pandemie und der tiefen politischen Zerrissenheit im Land hörten die Medien auf, über die Flüchtlinge in Griechenland oder die Kämpfe im Donbass zu berichten und die  die Öffentlichkeit verachtenden Regierungsfeierlichkeiten zum Jahrestag der Smolensk-Katastrophe in Warschau wurden wichtiger als die an Hunger sterbenden Kinder im Jemen. Deshalb sind die Worte des Papstes von Bedeutung, auch wenn sie politisch nichts ändern. Wie ein Gewissensbiss.

  • Publiziert in Blogs

Frohe Ostern

Die Karwoche hat etymologisch dem altgermanischen Wort kara ‚Klage‘, ‚Kummer‘, ‚Trauer‘ ihren Namen zu verdanken. Viel weniger wird die Bezeichnung "Stille Woche" verwendet. Ich hätte jedoch nie im Leben gedacht, dass irgendwann die zweite Bezeichnung zu der Zeit vor Ostern passender werden würde - und das wortwörtlich.

Die Zeit der Pandemie hat nicht nur diese Bedeutung verändert. Still sind die Straßen, geschlossen die Geschäfte, menschenleer die Parks. Vor dem größten Fest des Christentums sind auch die Kirchen zu. Nach Schlesien oder Ermland kommen keine Verwandten aus Deutschland. Die Grenze ist wieder real. Um gemeinsam zu beten, muss man sich im Internet treffen. Das tun auch viele, auch die Schlesier, die vielleicht früher nie so viel Gottesdienste in deutscher Sprache zur Verfügung hatten.

Aber das wichtigste ist, dass in der Zeit der Epidemie das Gottvertrauen eine neue, tiefere Dimension erreicht hat. Ein Priester aus Deutschland hat die Stimmung wie folgt beschrieben: „Ich mache meine Seelsorge über das Internet, Whatsapp und Telefon. Ich habe viel mehr Kontakt mit meinen Gläubigen als sonst. Ich schicke an meine Gläubigen tägliche Impulse, die sie dann zu Hause als Wortgottesdienste mit der Familie oder alleine feiern. Und sie tun das! Außerdem stelle ich in der Kirche um 9 Uhr das Allerheiligste Sakrament auf, mit Lichtstrahler bestrahlt - und die Leute kommen, Abstand voneinander haltend, zur Anbetung. Die Menschen kommen und beten. Um 18 Uhr segne ich mit dem Allerheiligsten den Ort. Für alle Bedürftige sammeln wir Pakete, die dann zu ihnen gebracht werden. Das sind vor allem die Flüchtlinge. Die Menschen bringen jeden Tag sehr viele Waren. Es geht so: die Leute kaufen frische Waren und legen sie vor den Eingang des Pfarrbüros. Zweimal am Tag holt ein Caritas Auto sie ab. Also, ich hab echt viel zu tun. Und mir geht’s damit gut“.

Immer öfter hört man die Frage, ob nach der Pandemie die Welt wieder so aussehen wird, wie sie vorher war. Ich weiß es nicht, aber vielleicht wird sie in vielen Aspekten die neu gefundenen oder wiederbelebten Werte nicht wieder verlieren. Dann wird das Wunder der Auferstehung nach der Karwoche tatsächlich geschehen. Das wünsche ich mir und uns allen. Frohe und besinnliche Ostern.  

  • Publiziert in Blogs

Auftrag in den sozialen Medien

Jeder erinnert sich an den Roman „Die Pest“ von Albert Camus. Die todbringende Epidemie weckte damals wie heute Ängste in medizinischer wie in existenzieller Dimension. Es gibt aber auch weitere Schrecken. Staus an den Grenzen, Verbote, die Häuser zu verlassen, Anwesenheitskontrollen unter der angegebenen Adresse, die Selbstorganisation der Gesellschaft bei gleichzeitiger Leistungsunfähigkeit der Regierung sind für die junge Generation neue Erfahrungen. Doch geschlossene Grenzen in unserem Teil Europas waren vor 30 Jahren noch keine temporäre Verschärfung sondern die Norm. Das Verbot von Auslandsreisen, ein Leben unter Kontrolle des Staates, Verbot von Versammlungen waren die Norm des sozialistischen Systems. Und das führte schließlich zur wirtschaftlichen Misere, Reglementierung von Waren und … Entwürdigung der Bürger. Der Fall dieses Systems wurde erkauft mit dem Tod vieler Menschen in vielen Ländern.

Wir können stundenlang von der damaligen Zeit erzählen - deshalb sollte man mit Bedacht Beschränkungen auferlegen und hinnehmen, da sie die Standards der Staatsformen ändern können. Man hört schon jetzt Befürchtungen, dass die Verschärfungen, die im Grunde Beschränkungen der Bürgerrechte sind, wegen der jetzigen Situation zur Norm werden könnten. Sie könnten von Politikern und Parteien ausgenutzt werden, die in dieser Krisenzeit ihre Chance sehen könnten, ihre Position zu stärken, auch gegen den Willen der Gesellschaft. Das betrifft nicht nur Polen. Es wird gemunkelt, dass Premierminister Orban sich die Möglichkeit sichern will, mithilfe von Dekreten regieren zu können. Dagegen ist die Entscheidung der Partei PiS vom vergangenen Samstag, die unter dem Mantel des so nötigen Rettungspaketes für die Wirtschaft Lösungen einführte, um behaupten zu können die Präsidentenwahl im Mai wäre möglich, ein klarer Beweis dafür. Sie riskiert ein so nötiges, wenn auch schwaches  Paket für die Wirtschaft für die eigenen Interessen der Partei.

Die und andere Situationen zeigen, wie einfach es durch totale Isolation ist nicht nur die Wirtschaft zu zerstören, sondern auch die Demokratie. Je mehr Isolation der Staat einführt, desto mehr muss man ihm auf die Finger schauen.  Und dann sieht man, wie wichtig soziale Medien sind. Von dort erfahren wir von immer neuen Bürgermeistern, die sagen, dass sie in Zeiten der Epidemie in ihren Gemeinden die Wahlen nicht organisieren werden.  In die Netzwerke wandert auch die Seelsorge. Es entstehen Gebetgruppen, zum Standard wird die Übertragung der Heiligen Messen über Facebook und youtube.

In normalen Zeiten gibt es bei uns Pfarrgemeinden, in denen trotz Bedarf die deutschsprachigen Messen nicht gelesen werden und nun haben wir eine ganze Palette. Zu einem wahren Hit wurde das gemeinsame Gebet um 20.00 Uhr über die Seite  streaming.airmax.pl/kamienslaski. Dort beten zusammen mit Pfr. Dr. Peter Tarlinski über 2000 Menschen nicht nur aus Polen, Deutschland oder Österreich, sondern auch aus Tschechien, der Slowakei und dem ukrainischen Odessa.

  • Publiziert in Blogs
Diesen RSS-Feed abonnieren