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Pascal und die zweite Welle

In der Philosophie ist die pascalsche Wette bekannt, die besagt, wenn man die Existenz Gottes nicht beweisen kann, ebenso aber auch nicht seine Nichtexistenz, ist es vernünftiger anzunehmen, es gibt ihn. So leben wir gut, um das ewige Leben zu erringen. Und wenn sich herausstellen sollte, es gibt keinen Gott oder kein Leben nach dem Tod, dann haben wir nichts verloren, wenn wir gut gelebt haben. Schlimmer wäre die umgekehrte Annahme, dass Gott nicht da ist, weshalb wir also ohne Gebote leben und am Ende feststellen müssen, dass wir unser ewiges Leben mit ihm im Himmel verloren haben.

Es ist nur meine Zusammenfassung seiner Gedanken, die aber in dieser Zeit wichtig scheinen. Das Internet, private Gespräche, Medien, öffentliche Versammlungen drehen sich nun nicht mehr nur um Politik, sondern auch um die Frage, ob es die Pandemie gibt oder nicht. Eine weitere Gelegenheit zu Teilungen in der Gesellschaft, zu Protesten und Attacken. Auf die Bekanntmachung der Beschränkungen, deren Synonym die Schutzmaske wurde, antworteten einige mit einer gegnerischen Haltung. Manche taten es demonstrativ auch in Form von Straßenprotesten, andere ignorieren leise, aber sichtbar die Vorschriften. Ein unrühmliches Beispiel sind sogar Geistliche, die trotz des Dekrets des Oppelner Bischofs weiterhin die Kommunion ohne Maske austeilen, die die Gläubigen nicht aufteilen in diejenigen, die die Kommunion in den Mund und diejenigen, die sie weitaus hygienischer in die Hand empfangen wollen. Man könnte etliche weitere Beispiele anführen. Proteste gegen die Pandemie gibt es natürlich auch in anderen Ländern, auch in Deutschland, doch sie ändern nichts daran, dass dort die Kommunion nur auf die Hand ausgeteilt wird, dass z.B. in Berliner Kirchen nur jede zweite Bank besetzt sein darf, dass man beim Betreten der Kirche (aber auch eines Restaurants) seine Kontaktdaten hinterlegen muss.

Gestern habe ich mir die Europakarte angeschaut, auf der die Infektionszahlen je 100.000 Einwohnern gezeigt wurden. In fast ganz Deutschland liegt dieser Wert unter 35 und in allen Nachbarländern, Polen eingeschlossen, ist er über 50 und mancherorts sogar über 100. Statt sich also zu streiten, ob es die Pandemie gibt oder nicht, denken wir wie Pascal. Wenn wir nicht einer Meinung sind, nehmen wir zu unserem gemeinsamen Wohl an, dass die Gefahr da ist und dass soziale Distanz sowie das Tragen von Masken uns vor ihr schützt. Wenn es die Pandemie nicht gibt, riskieren wir nichts außer einem längeren Aufenthalt zu Hause, häufigerem Händewaschen und selteneren Familienfeiern. Und wenn es die Pandemie doch gibt, retten wir unser Leben und vielleicht das eines anderen. Außerdem muss dann eine diszipliniertere Gesellschaft nicht alles schließen - und sich selbst in den Häusern einschließen.

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Reine Hände der Geschichte

Ein beliebter Ausdruck, ja sogar eine Binsenweisheit lautet, dass es in der Geschichte keinen Staat gegeben hat, dessen Taten immer gerecht und dessen Hände immer rein gewesen wären. Und doch geben sich die Gesellschaften dieser Illusion hin, vor allem bei Jahrestagen rühmlicher Schlachten. Ganze Völker sind im Stande zu vergessen, dass man alles in den richtigen Proportionen betrachten und Kriege vermeiden sollte.

Schon seit Tagen denke ich über die Bedeutung der Schlacht um Warschau nach, auch das Wunder an der Weichsel genannt, nach, aber auch über die Epoche und die Menschen, die damals lebten. Die Schlacht ist ja ein Element des polnisch-bolschewistischen Krieges, der zwischen 1919 und 1921 dauerte und im März 1921 mit dem Rigaer Frieden beendet wurde. Der Krieg war im Grunde das Ergebnis zweier unterschiedlicher Interessen. Polen versuchte nach der Rückkehr auf die politischen Landkarten in Folge des Ersten Weltkrieges im Osten bis an seine Grenzen aus der Zeit vor den Teilungen zu kommen, die Bolschewisten dagegen wollten so weit wie möglich ihren Einfluss ausdehnen. Die Rote Armee kam bis an Warschau heran, was zu der berühmten Schlacht führte, deren 100. Jahrestag, der auf den Feiertag Mariä Himmelfahrt fällt, gerade begangen wurde.

Wir sehen aber, dass die Kämpfe Polens mit der UdSSR in dieser Zeit für die Litauer gleichbedeutend sind mit der bewaffneten Annexion von Vilnius durch die Polen im Oktober 1920, für die Ukrainer dagegen ist es der Verrat ihrer Interessen durch die Teilung des Landes zwischen Polen und der UdSSR. Für die Schlesier ist es ein Teil des gesamten Konfliktzeitraums in Oberschlesien, der nach heutigem Wissen durch immer neue Publikationen, nicht einmal ein Bruderkrieg der Schlesier gewesen ist, sondern eine vom polnischen Geheimdienst gesteuerte und finanzierte Sabotageaktion auf dem Gebiet der Weimarer Republik. Es ist schwer zu glauben, dass eine Armee, die im Osten gegen den sowjetischen Andrang ankämpfen musste, die ganze Zeit kostspielige und illegale Operationen auf dem Gebiet eines anderen Staates im Westen durchgeführt hat. Nationale und soziale Spannungen wurden ausgenutzt, was eben der Grund für die Kämpfe ist, die man heute den Zweiten Schlesischen Aufstand nennt.   

Genau am 17. August 1920 floss in Kattowitz zunächst das Blut deutscher unbewaffneter Demonstranten, auf die französische Soldaten geschossen haben, was zur Aggression der Menschenmenge und Selbstjustiz gegenüber einem polnischen Aktivisten führte. Das Ganze dann, statt nach dem Ansinnen des Völkerbundes, der die Volksabstimmung vorbereitete, zu mildern, wurde noch verstärkt durch den Aufruf zum Generalstreik. Der Aufruf Korfantys entfachte militärisches Handeln von bereits vorbereiteten Einheiten, was weitere Opfer, Raub, Selbstjustiz und Brandstiftung nach sich zog.

Wenn ich auf diese Ereignisse aus der Perspektive von 100 Jahren danach schaue, weiß ich, dass der erste Satz dieses Textes wahr ist, genauso wie die folgende Aussage, auf die ich im Internet gestoßen bin: „Hört auf Kinder zu lehren, dass Krieg Ruhm und Heldentum bedeuten. Lehrt sie, dass wahrer Ruhm bedeutet, Krieg zu verhindern und Helden die Menschen sind, die dies erreichen“.    

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Bernard Smolarek

Immer, wenn jemand stirbt, der mir auf die eine oder andere Weise nahe stand, versuche ich, ihm meine Kolumne zu widmen. Bernard Smolarek konnte ich nur dank der deutschen Minderheit kennenlernen. Es ist diese Gemeinschaft, die unsere Wege kreuzte, und zwar gleich zu Beginn, also vor 30 Jahren.

Er widmete sich voll und ganz der Gründung der Organisation und ihrer Strukturen in der heute nicht mehr existierenden Woiwodschaft Tschenstochau, ich hingegen engagierte mich in den Aufbau der ersten lokalen Selbstverwaltung in Guttentag. Smolarek hatte Erfolg in einer Woiwodschaft, in der nur ein kleiner Teil zu Schlesien gehört. Als Organisation haben wir sogar die „Oppelner“ deutsche Minderheit überholt. Die Selbstverwaltung war ihm ebenso nahe. Im Jahr 1998 wurden wir beide Räte des ersten Kreistages in Rosenberg. Damals gestaltete sich unsere fast tägliche Zusammenarbeit nahezu selbstverständlich.

Bernard Smolarek war für mich der Inbegriff der schlesischen Eigenschaften. Er war ein ruhiger, sogar stiller Mensch, der sympathisch, manchmal sogar etwas geheimnisvoll lächelte, dabei aber sehr arbeitsam und effektiv war. Der beste Beweis für seine Effektivität ist die in Rosenberg stehende sog. zweisprachige Schule, die dank Fördergeldern aus Deutschland und der tiefen Überzeugung Smolareks entstehen konnte, der meinte, das erste, was Schlesier nach Jahren der sprachlichen und kulturellen Diskriminierung bräuchten, wäre die Rückkehr zur deutschen Sprache. Nur durch die Sprache könnten die deutschen Schlesier ihre Identität bewahren. Mit seiner Überzeugung steckte er sowohl deutsche als auch polnische Beamte an. Aber gelang es ihm auch, die Schlesier selbst zu überzeugen? Die Schule existiert, aber die Stadtherren von Rosenberg, denen sie übergeben wurde, sollten einmal nachdenken, ob und in welchem Maß sie noch das Erbe ihres Gründers, Bernard Smolarek, realisiert. Es ist die einzige Schule, die die Bundesrepublik Deutschland für das Schulwesen der deutschen Minderheit gebaut hatte.

Nach der Gebietsreform wurde es auch Zeit für Änderungen in der deutschen Minderheit selbst. Es war für Smolarek sehr schwer, die Entscheidung der Mehrheit anzunehmen, dass nach der Abschaffung der Woiwodschaft Tschenstochau und der Angliederung des Kreises Rosenberg an die Woiwodschaft Oppeln auch die von ihm gegründete Organisation der Minderheit in der Oppelner SKGD aufgehen sollte. Er stand dafür ein, als eigenständige Organisation weiter zu machen. Obwohl ich damals für die Vereinigung gewesen bin, stelle ich mir heute die Frage, ob nicht doch Smolarek recht hatte und ob die deutsche Minderheit in Landsberg, Guttentag oder Lublinitz heute nicht stärker wäre, wenn ihre Zentrale in Rosenberg läge.

Er aber hörte auf die Menschen, achtete sie und hielt nicht hartnäckig an seiner Meinung fest. Dies führte dazu, dass man ihn bis zum Lebensende achtete und er in Rosenberg eine Autorität gewesen ist. Für mich wird er auch eine Autorität bleiben.

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Vertrauensverlust

Als ich in den Nachrichten gehört habe, der Oberste Gerichtshof habe die Ergebnisse der Präsidentschaftswahl bestätigt, dachte ich sofort an den geringen Stimmenunterschied. Dann hörte ich eine Reihe von Kommentaren, die man bei einer so geringen Mehrheit, bei gleichzeitig hohen Kosten, erwarten kann. Im Grunde wurden alle Einsprüche abgewiesen, von denen die Mehrzahl das Engagement des gesamten Staatsapparates für einen Kandidaten angefochten hat. Eines Staatsapparates, der von allen Steuerzahlern, also auch solchen, die Präsident Duda nicht wählen wollten, unterhalten wird.

Formal wurde das Ergebnis anerkannt, es bleibt aber trotzdem eine Leere. Ich weiß nicht, ob das im Folgenden beschriebene Ereignis wahr ist, aber ich hörte, dass während eines Marathons ein ständig an der Spitze laufender Kenianer kurz vor dem Ende wohl die Zeichen falsch verstanden hat: Er meinte, bereits das Ziel erreicht zu haben und blieb deshalb stehen. Ein hinter ihm laufender Teilnehmer hat ihn, ohne lange zu überlegen, geschubst, sodass der Kenianer doch als erster die Ziellinie überquert hatte. Als man den zweiten gefragt hat, warum er die Situation nicht einfach ausgenutzt und sich den Sieg geholt hat, antwortete er: „Aber was würde denn meine Mama dazu sagen? Der Kenianer war doch die ganze Zeit vorn“. Die Moral der Geschichte ist die Ehrlichkeit und das damit verbundene Vertrauen.

Das Vertrauen steckt heute in einer deutlichen Krise, und zwar nicht nur in Polen. Die Demonstration gegen die Politik gegenüber der Corona-Pandemie , die in Berlin den einen Quellen zufolge mehrere zehntausend, anderen zufolge sogar eine Million Protestierende versammelt hatte, war für sich das Ergebnis der Theorie, dass das Corona-Virus eher ein politisches denn ein medizinisches Thema ist. Diese Demonstration basierte auf dem Vertrauensverlust gegenüber Politikern, Mainstreammedien und der Wissenschaft. Die Gesellschaften verlieren das Vertrauen zu Institutionen, die früher das Bollwerk des gesellschaftlichen Vertrauens gewesen sind. Es reicht, nur auf die Kirche zu schauen, die das Vertrauen wegen der erschütternden Pädophilen-Skandale verliert, aber auch wegen der anstößigen, pompös ausgerichteten zweiten Vermählung eines prominenten Politikers mit stark strapaziertem Ansehen, nachdem seine erste Ehe für nichtig erklärt wurde.

Ein altes Sprichwort besagt, Hochmut kommt vor dem Fall. Der Fall ist die Folge des Vertrauensverlustes, der in verschiedenen Bereichen gefährlich ansteigt. Von einer Vertrauenskrise sind die Europäische Union sowie die NATO betroffen, wir glauben den Medien nicht mehr. Doch, kann man ohne Vertrauen in die Regierenden, die Prozeduren, die Normen oder gar die Ärzte leben? Wird die Vertrauenskrise nicht die Integrationsprozesse ausbremsen, die so große Hoffnungen geweckt haben? Ein Wiederaufbau des Vertrauens erfordert die Rückkehr zu solch einfachen Grundsätzen, wie diesem: „Was würde denn die Mama sagen?“. So wenig und doch so viel, dass es unmöglich erscheint.

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Reflexion über vergangene Zeiten

In der vergangenen Woche konnte ich durch meine Teilnahme an einer Konferenz in München einen lang gehegten Plan umsetzen. Er steht in Verbindung mit den Glasfenstern in der Kirche St. Maria Magdalena in meiner Heimatstadt Guttentag. Sie begeisterten mich schon immer, sowohl durch ihre neutestamentarische Tiefe als auch durch ihren modernen Ausdruck. Als ich auf einer von ihnen las, dass sie auf das Jahr 1934 datiert werden, war ich als Schüler überrascht, dass sie aktueller wirkten als die religiöse Kunst, die in den mir zeitgenössischen 1970er Jahren entstanden ist. Erst kürzlich erfuhr ich dank eines Projekts des DFK Guttentag, dass sie aus der Hand des berühmten deutschen modernen Künstlers Berthold Müller-Oerlinghausen stammen. Von da an begann mein Interesse an diesem Künstler, dessen anderes, ebenso modernes Werk ein in Schneidemühl (Piła) befindliches riesiges Holzkruzifix ist, mutmaßlich das größte in Europa. Der Künstler, der bei der Realisierung unserer Glasfenster mit den Ostdeutschen Werkstätten in Nysa und Breslau zusammenarbeitete, wurde in Westfalen geboren und in Berlin ausgebildet, wo er bis 1940 tätig war. Höchstwahrscheinlich hat er in seinem dortigen Atelier diese beeindruckenden Glasfenster entworfen, die unsere Kirche ununterbrochen schmücken. Nachdem sein Atelier bei einer Bombardierung Berlins völlig zerstört wurde, zog er nach Kressbronn am Bodensee und blieb dort bis zu seinem Tod im Jahr 1979 künstlerisch aktiv. Letzte Woche fand ich mich vor seinem Haus wieder, malerisch am Ufer des Sees gelegen. Und obwohl aufgrund der Pandemie das Museum mit seinen Werken nicht zugänglich ist, hatte ich dennoch den Eindruck, dass ich mich auf meiner Reise von Guttentag zu diesem fernen Ort innerhalb eines einzigen deutschen Kulturkreises bewegte, der bei der Entstehung unserer Glasfenster durch keine Grenzen geteilt war. Weder politisch, noch kulturell, geschweige denn sprachlich. Reflexionen über die vergangene Zeit drängen sich nun unwiderstehlich auf, zumal wir ja Anfang August den 70. Jahrestag der „Charta der deutschen Vertriebenen“ feiern werden. Sie war es damals – formuliert von Schlesiern, Pommeranern, Ermländern, Sudetendeutschen und vielen anderen Gruppen von Deutschen –, die mit Nachdruck das Unrecht der Nachkriegsvertreibung, des Heimatverlustes und der kulturellen Entwurzelung benannte, zugleich aber den einzigen Weg zur Überwindung des Geschehenen durch den Aufbau eines friedlichen und integrierten Europas zeigte.

Bernard Gaida

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Nach der Wahl

Das Wahlergebnis erinnert mich an das Referendum zum Brexit, dessen Ergebnis 51,89% für und 48,11% gegen den Austritt aus der EU war. Man kommentierte, es sei fast unmöglich, eine solch wichtige Entscheidung für die Zukunft des Landes mit einer so geringen Mehrheit zu fällen. Der Präsident in Polen wird sein Amt aufgrund einer noch geringeren Stimmenmehrheit übernehmen. Und doch sind demokratische Wahlen zu achten, weshalb ebenso der Brexit vollzogen wie auch Andrzej Duda zum Präsidenten vereidigt werden wird.

Die Folgen der einen sowie der anderen Entscheidung beider Länder werden aber solidarisch alle tragen müssen. Tausende Bewohner der britischen Inseln siedeln in EU-Länder um oder verlagern ihre Unternehmen dorthin. Tausende Bewohner Polens, vor allem Schlesiens, werden es ebenso tun. Bevor das passiert, werden Politiker, Journalisten und Analytiker die Gründe für diese Ergebnisse beschreiben und untersuchen. In Oppeln werden dann wieder Stimmen laut, dass die deutsche Minderheit trotz antideutscher Rhetorik Andrzej Dudas für ihn gestimmt hat und man in den sog. Minderheitsgemeinden unverändert die geringste Wahlbeteiligung beobachtet.

Es stimmt, in meinem Guttentag lag die Beteiligung bei 47,59%, im benachbarten Zembowitz war sie sogar noch geringer. Wenn man auf alle Woiwodschaften schaut, ist die Oppelner mit ihren ca. 60% das Schlusslicht, vorletzte Woiwodschaft ist dabei Ermland mit Masuren, wo ebenfalls Tausende Menschen zwischen Deutschland und Polen pendeln. Ist der Grund für die hohe Abwesenheit bei der Wahl, dass viele Menschen in Wirklichkeit in Deutschland wohnen? Vielleicht fühlte sich aber ein Großteil der Wähler, die zu einer nationalen Minderheit gehören, von keinem der Kandidaten der Stichwahl direkt mit einem speziellen Angebot angesprochen. Z.B. in Sachen Verbesserung der Bildung für Minderheiten, die sowohl zu Zeiten der Bürgerplattform als auch der PiS von uns selbst und den Experten des Europarates als unzureichend und den Verpflichtungen Polens aus der ratifizierten Europäischen Charta der Regional- und Minderheitensprachen nicht entsprechend angesehen wird.

Und weil ein solches Angebot fehlte, war die Abwesenheit sichtbar, oder … es entschieden minderheitsunabhängige Präferenzen. Es wäre gut, wenn Soziologen solche Studien durchführen würden. Aus diesem Blickwinkel nämlich sollten die Kandidaten und ihre Berater und Wahlkampfhelfer die Programme und die Inhalte der Reden analysieren. Vor allem den Mitarbeitern des sympathischen Rafał Trzaskowski, dem ich (zwar erst in der Stichwahl) meine Stimme gegeben habe, sollte man sagen, dass einer Analyse nicht nur das bedarf, was im Wahlkamf gesagt wurde oder ob die Schwerpunkte richtig gesetzt waren, sondern auch, was dort völlig fehlte.

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Tante Lilo

Der Tod kommt nie zur richtigen Zeit. Ich habe Tante Lilo kennengelernt als Einwohnerin von Karl-Marx-Stadt. Die waschechte Sächsin war Ehefrau des ältesten Bruders meiner Mutter, Georg.  Sie konnten sich begegnen, nur weil der Krieg gewesen war.

Der kleine Georg im kleinen Dorf bei Guttentag war von Geburt an fast blind.  Als er 6 Jahre alt war, kam er in der Dorfschule. Je höher die Klasse, desto schwieriger war der Unterricht, weshalb der Lehrer für ihn in Breslau eine Bildungsanstalt gefunden hat. Georg startete also seine Ausbildung in der Provinzhauptstadt. Die Trennung vom Dorf, der Familie und Geschwistern war für alle sehr schwierig. Dann kam der grausame Krieg, der Vater musste zur Front, die Mutter blieb mit den Kinder allein. Es gab immer weniger Besuche.

Als im Januar 1945 plötzlich die Flucht angeordnet wurde, musste die Familie aus Guttentag in Trecks in Richtung Tschechien flüchten. Die Schule in Breslau wurde Richtung Sachsen evakuiert.  Kein Kontakt mehr, keine Briefe.  Besonders schmerzhaft war das für die Mutter. Als nach dem Krieg die Familie zurück nach Schlesien, unter polnische Verwaltung kam, fehlte der Georg.  Nach der Rückkehr mussten sie sich das schon besetzte Haus wieder erkämpfen. Dank des Suchdienstes des Roten Kreuzes wurde Georg in Chemnitz gefunden.

Trotz Bitten der Mutter wollte er nicht nach Schlesien zurück. Er war blind, sprach kein Polnisch und in Chemnitz hatte er die Bekannten und Freunde aus der Schule. Er blieb. Dort hat er die körperlich behinderte Liselotte getroffen. Sie haben sich gegenseitig das ganze Leben unterstützt und eine musterhafte Familie aufgebaut. Tante Lilo mit ihrem sächsischen Dialekt war schwierig zu verstehen, aber das offene Herz hat alles ausgeglichen.  Die Sommerferien in Karl-Marx-Stadt sind traumhaft gewesen und die Tante war wie eine Ersatzmutter. Genauso, als sie Schlesien besucht haben. Am Abend spielte Onkel Georg Akkordeon und die Tante Mundharmonika. Gesang und Lachen sind mir in Erinnerung geblieben. Beide behindert, aber immer lustig und nett.

Von klein auf habe ich die beiden, damals aus der DDR, als ein Zeichen des Deutschtums unserer Familie gesehen. Der Onkel hat zwar auch Witze von Antek und Frantzek erzählt, aber nur auf Deutsch, weil sogar „wasserpolnisch“ konnte er nicht.  Auch als der schlesische Onkel gestorben ist, war die Tante ein Bindeglied zwischen uns in Schlesien und der sächsischen Familie.  An jedem Geburtstag  habe ich einen Anruf bekommen, wo die Mundharmonika zuerst „Zum Geburtstag viel Glück“ spielte. Von der Liebe der Kinder und Enkel umgeben, hat sie die letzten Jahre in einem Chemnitzer Pflegeheim verbracht. Vor zwei Jahren konnte ich mit ihr noch ihren 90. Geburtstag feiern, später noch einige Male besuchen und immer mit neuen gestrickten Socken nach Hause fahren.  Die warme Socken werden mich immer an die herzenswarme Tante Lilo erinnern.

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Probleme mit Toleranz

Wenn jemand meinte, die Pandemie könnte den Raum für Toleranz erweitern, dann hat er sich geirrt. Rassistische Unruhen in den USA, das Stürzen von Denkmälern in Großbritannien und letztens auch in Deutschland, weltanschauliche Konflikte in Sachen LGBT in Polen. Man könnte noch vieles mehr aufzählen.

In all den Konflikten sieht man, dass der Dialog durch ein Diktat ersetzt wird, und zwar eines von beiden Seiten. Dabei sollte doch Dialog bedeuten, dass beide Seiten letztendlich versuchen, sich zu verständigen. Die Atmosphäre des Diktats beider Seiten des Streits wird auf die Straßen verlegt - und das nicht nur in Form von Unruhen und Plünderungen von Geschäften in den USA, sondern auch als allgemeine Stimmungslage auf den Straßen europäischer Städte. In Polen wird das noch untermalt durch die Wahlfolklore. Ich nenne es Folklore vor allem deshalb, denn bei weltanschaulichen Streitigkeiten berufen sich alle auf Emotionen und nicht inhaltliche Argumente.

Paradoxerweise ist es gut, dass der Kampf gegen die Pandemie dazu zwingt, sich mit konkreten Lösungen und ihren Konsequenzen auseinanderzusetzen. Es hilft nicht, sie auf emotionale Weise zu zerreden, denn wir sprechen hier von Zahlen. Vielleicht sind sie nicht ganz exakt, denn es werden hierzulande immer noch zu wenige Tests durchgeführt, aber sie ermöglichen einen Vergleich. Und bewusste Wahlen verlangen von Wählern eben einen Vergleich, der der Gesellschaft, die so politisiert, gleichzeitig aber politisch so ungebildet ist, Schwierigkeiten bereitet.

Alle diskutieren leidenschaftlich über Politik, aber doch nur wenige engagieren sich ernsthaft in ihr, sodass sowohl die Wahrnehmung der Parteiprogramme als auch deren Evaluierung nur scheinbar geschieht. Um diesen Prozess zu erleichtern, haben wir bereits zu Beginn des Wahlkampfes einen Fragenkatalog an die Kandidaten zum Thema Minderheitenpolitik erstellt. Ich wäre glücklich, wenn ich schreiben könnte, dass zumindest die Mehrheit der Kandidaten dazu Stellung bezogen hat. Leider kann ich das nicht. Nicht ganze zwei Wochen vor der Wahl bleibt Szymon Hołownia der einzige, der auf unsere Fragen geantwortet hat. Dabei könnte man denken, dass die im Titel genannte Toleranz nirgendwo leichter erfahrbar wäre als im Bezug auf die Minderheiten. Es ist nur für diejenigen nicht leicht, für die die Toleranz ein schöner Wahlslogan ist, jedoch Probleme bereitet, wenn Fragen nach Schulen mit Deutsch als Unterrichtssprache, nach zweisprachigen Schildern oder der Unterstützung für die deutsche Kultur und deren kulturellem Erbe auftauchen. Wir warten weiterhin.

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