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Bernard Gaida

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Neujahrsbrief: „Einmal gewählt, muss ich jeden Tag eine Wahl treffen“ – hl. Augustinus

Liebe Landsleute, Mitglieder der deutschen Gemeinschaft in Polen, unsere Sympathisanten und Freunde,

ich wende mich an Sie als Präsident des VdG in Polen nun schon traditionell anlässlich des Neuen Jahres. Vor einem Jahr hatte ich folgende Worte Dietrich Bonhoeffers zum Motto meines Neujahrsbriefes ausgewählt:

„Von guten Mächten wunderbar geborgen,
erwarten wir getrost, was kommen mag.
Gott ist bei uns am Abend und am Morgen
und ganz gewiß an jedem neuen Tag.“

  • Publiziert in VdG

Gemeinsame Erfahrung

Im vergangenen Jahr hat der VdG beschlossen, das Jahr 2020, in dem 75 Jahre seit Ende des Zweiten Weltkrieges vergangen sind, besonders einer immer noch wenig bekannten Wahrheit zu widmen, und zwar der, dass für die Deutschen östlich von Oder und Neiße mit diesem Jahr der Krieg nicht zu Ende gegangen ist. Eigentlich nur in Oberschlesien, zunächst nur durch unsere Organisationen, später in Zusammenarbeit mit anderen schlesischen Vereinen, ist es gelungen, dass das Drama der Deutschen unter dem Namen „Oberschlesische Tragödie“ in der Öffentlichkeit bekannt wurde. Aber nur dort.

Deshalb haben wir als VdG, trotz der Beschränkungen in diesem Pandemiejahr, neben Gedenkveranstaltungen in Lamsdorf und zum ersten Mal auch in Potulitz bei Bromberg, eine wissenschaftliche Konferenz organisiert, die dem Drama der Deutschen in allen Regionen des heutigen Polens gewidmet war. Die Konferenz am vergangenen Samstag, die wiederum vom Oberschlesischen Eichendorff-Kultur- und Begegnungszentrum unter dem Titel „Oberschlesische Tragödie“ organisiert wurde, war wohl das letzte Ereignis, das diesem Thema gewidmet war.

In meinem Referat habe ich gesagt, auch wenn das Jahr 1945 zweifellos ein tragisches für Oberschlesien gewesen ist, wäre es unehrlich, dieses nicht in Verbindung mit der gesamten Tragödie zu sehen, die den Deutschen widerfahren ist - von der Oder bis zur Kamtschatka sowie auch zwischen der Adria, dem Schwarzen Meer und der Ostsee. Ich habe dazu Zahlen vorgelegt, die den Umfang der Verheerung zeigen. Die Daten sind zerstreut, doch man kann sie zusammenstellen und dann wird sichtbar, dass auf diesem Gebiet, auf dem heute die deutschen Minderheiten zusammen ca. 1 bis 1,5 Millionen Menschen ausmachen, vor dem Kriegsausbruch mehr als 25 Millionen Deutsche lebten. Flucht, Vertreibung, Deportationen und dann letztendlich Ausreisen betrafen also 95% dieser Gemeinschaft. Einige Millionen haben nicht überlebt.

Der Umfang dieser Nachkriegstragödie ist unbekannt, vor allem durch die jahrelange Tabuisierung und wenn daran trotzdem erinnert wird, dann aufgeteilt auf einzelne konkrete Staaten und Regionen. Dabei war sie doch geplant und im großen Maße mit den Alliierten überregional abgesprochen. Ihre schwache Wahrnehmung und ungenügende juristisch-moralische Bewertung führt laut Prof. A. de Zayas dazu, dass sie trotz ihrer historischen Außergewöhnlichkeit, wenn es um den Umfang geht, Europa nicht vor einer Wiederholung bewahrte in Form von ethnischen Säuberungen in Jugoslawien. Das richtige Gedenken und die Benennung eines jeden Verbrechens ist eine Aufgabe für die Zukunft und für den Frieden.

Den Befürwortern der Relativierung des Nachkriegsschicksals der Deutschen im Osten zitiere ich einen interessanten Satz de Zayas‘: „Der Zweite Weltkrieg war zwar der Anlass, nicht aber die Ursache der Vertreibung”. Es ist daher gut, dass in der Ansprache von Bundespräsident Steinmeier aus Anlass des Jahrestages des Kniefalls von Willy Brandt als Ballast der Vergangenheit neben den deutschen Verbrechen der Kriegszeit auch das Nachkriegsverbrechen der Vertreibung genannt wurde.

  • Publiziert in Blogs

Einmal gewählt…

Eine nationale Minderheit zu sein, egal in welchem Land, bedeutet immer einen Kampf um und mit etwas zu führen. Und ich nutze hier das Wort „Kampf“ als eine permanente Notwendigkeit der Wahl. Sehr gut formuliert es der Heilige Augustinus: „Einmal gewählt, muss ich jeden Tag eine Wahl treffen“.

Diese tägliche Bestätigung seiner Treue zur eigenen Tradition, Kultur oder der Sprache bedeutet gegen den Strom schwimmen, ja mit ihm kämpfen. Nur die Einwilligung zur Assimilation und ein Schwimmen mit dem Strom bedeutet diesen Kampf nicht. Jedes bewusste Mitglied einer Minderheit wird also zu einem Kämpfer, auch wenn er meistens mit sich selbst kämpfen muss. Meistens ist die ihn umgebende Welt diesem Kampf nicht wohlgesinnt, denn er lebt in einer anderen Kultur, einer anderen Sprache und Tradition. Was das Ringen mit der Realität braucht, ist ein Gefühl des Stolzes über die Minderheitsidentität und alles, was sie ausmacht. Ein solches Gefühl brauchen Deutsche in Deutschland weniger als jene in Polen, Tschechien oder Russland. Manchmal aber wird die Außenwelt unbewusst diesem Kampf und dem positiven Stolz wohlgesonnen. Einem positiven Stolz, denn er dient nicht dem Hochmut sondern der eigenen Identifikation.

Der Advent hat begonnen, der uns zu Weihnachten führt. Und auch wenn viele von uns die Kommerzialisierung dieser Zeit kritisch bewerten, bringt sie trotzdem eine charakteristische Atmosphäre mit sich. Seit Sonntag gibt es in den Häusern, Kirchen und anderen Orten Adventskränze und –kalender. Trotz Pandemie werden die Straßen mit weihnachtlicher Beleuchtung geschmückt und die Christbäume, eh sie in unseren Häusern auftauchen, werden schon an öffentlichen Plätzen aufgestellt. Dies geschieht praktisch auf der ganzen Welt. Und wenn die Feiertage kommen, erklingt um uns herum das bekannteste Weihnachtslied „Stille Nacht“.

Dann können wir uns mit unserer Identität einfach stolz fühlen darauf, dass all die Symbole aus unserem deutschen Kulturkreis stammen. Auch wenn sie oftmals aufgehört haben Teil des religiösen Erlebens der Geburt Christi zu sein, bleiben sie weiterhin ein Synonym der Freude, Wärme und Familienliebe. Möge es uns danach leichter sein, täglich die Treue zu eigenen Identität in Freude und Frieden zu wählen.

  • Publiziert in Blogs
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