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Ich trage den Wunsch an Sie heran, Ihre deutschen Landsleute tatkräftiger zu unterstützen - Bernard Gaida im Bundestag

Am Montag, den 17. Mai 2021, hielt Bernard Gaida als Sprecher der Arbeitsgemeinschaft Deutscher Minderheiten (AGDM) im Deutschen Bundestag eine Rede zur Anfang November 2019 verabschiedeten Resolution der AGDM zur Zukunftsausrichtung der deutschen Minderheiten. In der Rede näherte er die kulturelle und sprachliche Situation der deutschen Gemeinschaften in Europa und appellierte er für die weitere Unterstützung deren Tätigkeit sowie Erhöhung der finanziellen Mittel, die zu ihrem Erhalt und Pflege im Haushalt der Bundesrepublik Deutschland bestimmt sind.

Die Auszüge aus der Rede präsentieren wir unten:

In den meisten Ländern Osteuropas und Zentralasiens wurden deutsche Minderheiten bis zur politischen Wende der 80er und 90er Jahre von den Grundsätzen des demokratischen Staates ausgeschlossen. Dies äußerte sich in der fehlenden rechtlichen Anerkennung der gesamten deutschen Gemeinschaft, die eine institutionelle Tätigkeit unmöglich machte und oftmals mit kultureller und sprachlicher Diskriminierung verbunden war. Diese Situation führte in den Jahrzehnten nach dem Zweiten Weltkrieg zur Migration von Hunderttausenden Deutschen aus ihren Heimatländern nach Deutschland und darüber hinaus sowohl zu erzwungener als auch unbewusster Assimilation der verbliebenen Gemeinschaften. Eine der Konsequenzen daraus ist, dass Angehörige der deutschen Minderheit heutzutage oftmals nur über unzureichende Deutschkenntnisse verfügen und somit einer der wichtigsten Identitätsträger – die Sprache – fehlt. Zusammen mit der Angst sich in der Öffentlichkeit zur deutschen Identität zu bekennen, haben wir es momentan mit einer sehr fragilen Situation der deutschen Identität in Osteuropa und Zentralasien zu tun. (…)

Wir möchten aber gleichzeitig darauf hinweisen, dass wir uns sowohl als loyale Bürgerinnen und Bürger unserer Länder sowie als Teil der deutschen Kulturnation verstehen. Aufgrund dessen möchten wir von Deutschland nicht nur durch das Prisma des Kriegsfolgenschicksals betrachtet werden, sondern als Landsleute, die für die Stärkung ihrer Identität eine Bindung an die deutsche Kultur benötigen. (…)

In vielen von uns bewohnten Ländern sind noch immer keine öffentlichen Bildungssysteme für die Minderheit geschaffen worden, die uns eine wirksame Unterbrechung des Verlustprozesses bzw. den Wiederaufbau der Rolle der deutschen Sprache im sozialen und familiären Leben ermöglichen könnten. Darüber hinaus ist der Prozess der Identitätsübertragung weiterhin, aufgrund der häufig mangelnden Unterstützung in Form von Kulturinstitutionen, geschwächt. Programme und Projekte, die zur Verbreitung der gegenwärtigen deutschen Kultur und Vermittlung des modernen Deutschlandbildes im Ausland beitragen, sind elitärer Natur, fokussiert auf die Großstädte und erreichen oftmals nicht die Regionen, die von der deutschen Minderheit bewohnt werden. (…)

Wir appellieren für eine Erhöhung der finanziellen Unterstützung vor allem deswegen, weil wir neue Möglichkeiten für die Entwicklung unserer Gemeinschaften sehen. Ich trage an dieser Stelle den Wunsch an Sie heran, Ihre deutschen Landsleute in Europa- und in der ehemaligen Sowjetunion tatkräftiger zu unterstützen (…), die eine wichtige Soft-Power im kulturellen, diplomatischen und integrationsgesellschaftlichen Sinne in sich verbirgt, entsprechend finanziell auszurüsten.

Bernard Gaida
Sprecher der Arbeitsgemeinschaft Deutscher Minderheiten in der FUEN

Berlin, 17. Mai 2021. Sitzung des Unterausschusses Auswärtige Kultur- und Bildungspolitik im deutschen Bundestag / Berlin, 17 maja 2021. Posiedzenie Departamentu ds. zagranicznej polityki kulturalnej i oświatowej w niemieckim Bundestagu.   Berlin, 17. Mai 2021. Sitzung des Unterausschusses Auswärtige Kultur- und Bildungspolitik im deutschen Bundestag / Berlin, 17 maja 2021. Posiedzenie Departamentu ds. zagranicznej polityki kulturalnej i oświatowej w niemieckim Bundestagu.   Berlin, 17. Mai 2021. Sitzung des Unterausschusses Auswärtige Kultur- und Bildungspolitik im deutschen Bundestag / Berlin, 17 maja 2021. Posiedzenie Departamentu ds. zagranicznej polityki kulturalnej i oświatowej w niemieckim Bundestagu.

Voller Inhalt der Rede:

Die Resolution der AGDM:

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Bernard Gaida, Vorsitzender des VdG, über das Dokumentations- und Ausstellungszentrum der Deutschen in Polen, die Volkszählung und die Rechte nationaler Minderheiten

Am vergangenen Freitag sprach Bernard Gaida, Vorsitzender des VdG in Polen, bei Radio Opole über das Dokumentations- und Ausstellungszentrum der Deutschen in Polen, die Volkszählung und die Rechte nationaler Minderheiten. Auszüge des Gesprächs finden Sie unten.

Der Verband der Deutschen Sozial-Kulturellen Gesellschaften in Polen und die Woiwodschaftsbibliothek in Oppeln werden das Dokumentations- und Ausstellungszentrum der Deutschen in Polen einrichten und leiten. Was werden seine Ziele und Aufgaben sein?

Es wird vor allem eine Dauerausstellung sein, die den Weg zeigt, den die deutsche Gemeinschaft in Polen im Laufe der Jahrhunderte zurückgelegt hat. Sie wird sich nicht nur auf die Geschichte beschränken, sondern auch die Gegenwart präsentieren, u. a. vor dem Hintergrund des Minderheitenrechts in Europa. Das Zentrum wird von großer Informations- und Bildungsbedeutung sein. Die Ausstellung soll alle Aspekte und alle Perioden, die hinter uns liegen, berücksichtigen. Das Zentrum wird in Oppeln errichtet und hier wird es funktionieren, aber es wird die gesamte deutsche Minderheit in Polen zeigen, also sowohl in Schlesien als auch in Ermland, Masuren, Pommern und Niederschlesien.

In Polen findet alle zehn Jahre eine Volkszählung statt. Welche Bedeutung hat sie für die deutsche Minderheit?

Aus den beiden vorangegangenen Volkszählungen geht hervor, dass sich rund 150 000 Menschen der deutschen Minderheit angeschlossen haben. Wir schätzen die Zahl auf fast doppelt so hoch. Leider ist dies bei nationalen Minderheiten so der Fall − bei uns wie überall − dass ihre Größe in der Regel unterschätzt wird. Das Gesetz über nationale und ethnische Minderheiten bindet einige Elemente der Rechte, die sich aus diesem Gesetz ergeben, an die Ergebnisse der Volkszählung. Eine unmittelbare Wirkung ist das Recht, zweisprachige Ortsschilder zu verwenden oder die Hilfssprache in einem Verwaltungsverfahren zu verwenden. Indirekt wirkt sich dieses Ergebnis auf eine Reihe von Elementen der staatlichen Minderheitspolitik aus. Das ist die Unterstützung kultureller Aktivitäten von Minderheiten. Es gibt auch indirekte Auswirkungen auf Bildung sowie Minderheitensprachen in der Bildung. Für die nationalen Minderheiten selbst ist das Ergebnis der Volkszählung ein Element der Autoidentifizierung. Für uns ist es wichtig zu wissen, wie viele Menschen es wagen, ihre nicht-polnische Nationalität zu erklären. (...) Wir haben den Hauptstatistischen Amt, den Organisator der Volkszählung, wiederholt aufgefordert, die Anonymität dieser Volkszählung sehr stark zu betonen, d. h., dass die von den Befragten angegebenen Daten anonymisiert und nur für statistische Daten und keine andere verwendet werden. Das ist aus der Sicht der Minderheiten sehr wichtig.

Ist die Situation der deutschen Minderheit in Polen anders als beispielsweise in Tschechien, Rumänien und Ungarn?

Die Lage der deutschen Minderheit in Mittel- und Osteuropa ist von Land zu Land sehr unterschiedlich. Ich nenne einen aus unserer Sicht wichtigsten Unterschied. (...) In Rumänien gibt es ein Bildungssystem für die deutsche Minderheit vom Kindergarten bis zur Hochschule mit Deutsch als Vorlesungssprache. In Polen gibt es keine einzige Schule mit deutscher Unterrichtssprache; hier geht es um Schulen im staatlichen Bildungssystem, aber auch um Vereinsschulen, die nur als zweisprachige Schulen funktionieren. In Rumänien ist es Unterricht zu 100 % mit Deutsch als Unterrichtssprache. Auch in Ungarn wird die staatliche Unterstützung für die Entwicklung des Deutschunterrichts sehr stark ausgebaut. Wir müssen uns aber nicht nur mit anderen deutschen Minderheiten vergleichen, denn wenn man sich die polnische Minderheit in Litauen anschaut, dann verfügt auch sie über ein polnisches Lehrsystem. Und das ist bei uns seit 30 Jahren Demokratie in Polen leider nicht gelungen.

Mit Bernard Gaida sprach Jan Poniatyszyn.

Den vollständigen Inhalt des Gesprächs finden Sie auf der Internetseite von Radio Opole HIER (Gespräch in polnischer Sprache).

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Ein weiterer Meilenstein auf dem Weg zur Eröffnung des Dokumentations- und Ausstellungszentrums der Deutschen in Polen

Am 13. Mai 2021 in Oppeln, in Anwesenheit von Andrzej Buła, Marschall der Woiwodschaft Oppeln, wurde eine Vereinbarung über die gemeinsame Errichtung und den Betrieb des Dokumentations- und Ausstellungszentrums der Deutschen in Polen zwischen der Öffentlichen Woiwodschaftsbibliothek in Oppeln, vertreten durch ihren Direktor Tadeusz Chrobak, und dem Verband der deutschen sozial-kulturellen Gesellschaften in Polen, vertreten durch Bernard Gaida, Vorstandsvorsitzenden des Verbandes, und Rafał Bartek, Vizevorsitzenden des Verbandes, unterzeichnet.
Die Vereinbarung wurde unterzeichnet in Erfüllung der in der vorjährigen Absichtserklärung zwischen der Woiwodschaft Oppeln und dem Verband der deutschen sozial-kulturellen Gesellschaften erklärten Intentionen, sowie im Zusammenhang mit dem Beschluss des Regionalparlaments der Woiwodschaft Oppeln zur Erweiterung der Aufgaben der Öffentlichen Woiwodschaftsbibliothek in Oppeln um die Ausübung der Funktion des Informationszentrums: Dokumentations- und Ausstellungszentrums der Deutschen in Polen.

Das Zentrum wird seinen Sitz in einem zu diesem Zweck adaptierten Bürgerhaus an der Szpitalna-Straße 11 in Oppeln haben, dessen Renovierung und Umbau vom deutschen Ministerium für Inneres, Bau und Heimat finanziert wurde. Derzeit wird dank der Unterstützung des polnischen und deutschen Ministeriums intensiv an der Dauerausstellung gearbeitet. Die Eröffnung des Zentrums ist für Anfang 2022 geplant.

"Die Mitglieder der polnischen Mehrheit brauchen ein fundiertes Wissen über den Weg, den die in Polen lebenden Deutschen zurückgelegt haben. Aber auch die Deutschen, die in ihrem Bildungs- und Sozialleben leider wenig über ihre eigene Geschichte erfahren, brauchen einen solchen Ort. (...) eine echte Wahrnehmung voneinander in einer so wichtigen Frage wie kulturelle und sprachliche Identität erfordert Dialog, und dieser wiederum benötigt, sich selbst kennenzulernen. Meiner Ansicht nach wird das größte Werk dieses Zentrums die an die jungen Menschen, Schüler und Schulen gerichtete Bildung sein, die am Beispiel eines wahren und synthetischen Bildes der Geschichte der Deutschen, die inmitten der polnischen Mehrheit leben, und ihrer Beziehungen nicht nur die Überwindung ständig erneuerter antideutscher Stereotype erleichtern wird, sondern auch die Wahrnehmung Europas, deren Motto lautet: In Varietate Concordia. Vereint in Vielfalt", meinte in seiner Rede Vorsitzender von VdG, Bernard Gaida. Weiter sprach er: "Vielleicht sieht man das in Polen nicht so stark (es ist auch eine Verarmung nach dem Krieg), aber in der gesamten Europäischen Union gehört jeder siebte Bürger einer nationalen oder ethnischen Minderheit an, und ein paar Dutzend Prozent der Kinder sprechen zwei, drei Sprachen, die für sie keine Fremdsprachen sind. Und das gilt als würdig, diesen Reichtum zu schützen."

Voller Inhalt der Rede von Bernard Gaida: 

Vereinbarung üb...
Vereinbarung über die gemeinsame Errichtung und den Betrieb des Dokumentations- und Ausstellungszentrums der Deutschen in Polen. Foto: Wochenblatt.pl Vereinbarung über die gemeinsame Errichtung und den Betrieb des Dokumentations- und Ausstellungszentrums der Deutschen in Polen. Foto: Wochenblatt.pl
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Vereinbarung über die gemeinsame Errichtung und den Betrieb des Dokumentations- und Ausstellungszentrums der Deutschen in Polen. Foto: Weronika Wiese Vereinbarung über die gemeinsame Errichtung und den Betrieb des Dokumentations- und Ausstellungszentrums der Deutschen in Polen. Foto: Weronika Wiese
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Vereinbarung über die gemeinsame Errichtung und den Betrieb des Dokumentations- und Ausstellungszentrums der Deutschen in Polen. Foto: Wochenblatt.pl Vereinbarung über die gemeinsame Errichtung und den Betrieb des Dokumentations- und Ausstellungszentrums der Deutschen in Polen. Foto: Wochenblatt.pl
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Vereinbarung über die gemeinsame Errichtung und den Betrieb des Dokumentations- und Ausstellungszentrums der Deutschen in Polen. Foto: Wochenblatt.pl Vereinbarung über die gemeinsame Errichtung und den Betrieb des Dokumentations- und Ausstellungszentrums der Deutschen in Polen. Foto: Wochenblatt.pl
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Vereinbarung über die gemeinsame Errichtung und den Betrieb des Dokumentations- und Ausstellungszentrums der Deutschen in Polen. Foto: Wochenblatt.pl Vereinbarung über die gemeinsame Errichtung und den Betrieb des Dokumentations- und Ausstellungszentrums der Deutschen in Polen. Foto: Wochenblatt.pl
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Vereinbarung über die gemeinsame Errichtung und den Betrieb des Dokumentations- und Ausstellungszentrums der Deutschen in Polen. Foto: Weronika Wiese Vereinbarung über die gemeinsame Errichtung und den Betrieb des Dokumentations- und Ausstellungszentrums der Deutschen in Polen. Foto: Weronika Wiese
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Vereinbarung über die gemeinsame Errichtung und den Betrieb des Dokumentations- und Ausstellungszentrums der Deutschen in Polen. Foto: Wochenblatt.pl Vereinbarung über die gemeinsame Errichtung und den Betrieb des Dokumentations- und Ausstellungszentrums der Deutschen in Polen. Foto: Wochenblatt.pl

Die deutsche Minderheit äußert sich kritisch zur Feier des 100. Jahrestages des Dritten Schlesischen Aufstandes. "Keine Chance für echte Versöhnung ergriffen"

"Der runde Jahrestag wurde nicht genutzt, um zu versuchen, die schwierige Geschichte dieses Landes tatsächlich zu versöhnen und anzuerkennen" (Lucjan Dzumla).

Die allgemeine Einschätzung der Feierlichkeiten zum 100. Jahrestag des Dritten Schlesischen Aufstandes am Sonntag bleibt in den Augen der deutschen Minderheit kritisch. Der Vorsitzende des VdG, Bernard Gaida, und der Direktor des Hauses der Deutsch-Polnischen Zusammenarbeit, Lucjan Dzumla, sprechen über die Feierlichkeiten auf dem Annaberg am 2. Mai 2021.

Der Text von Krzysztof Ogiolda erschien in der Nowa Trybuna Opolska.
Der volle Inhalt (in polnischer Sprache) HIER.

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"Mir fehlt etwas" - Feierlichkeiten zum 100. Jahrestag des III. Schlesischen Aufstandes

Am 2. Mai 2021 sind 100 Jahre nach dem Schlesischen Aufstand vergangen. Offizielle Staatsfeierlichkeiten fanden auf dem St. Annaberg statt.

Unabhängig von den offiziellen Staatsfeierlichkeiten und noch vor ihrem Beginn ehrten die Vertreter der deutschen Minderheit auf dem Pfarrfriedhof am St. Annaberg das Gedenken an die Opfer des Aufstandes. Sie legten Blumen auf zwei Friedhofsquartieren nieder: auf dem Quartier der deutschen Verteidiger des St. Annabergs sowie auf dem Quartier der Aufständischen.

Kranzniederlegung auf dem Friedhof auf dem St. Annaberg / Złożenie kwiatów na cmentarzu parafialnym na Górze Św. Anny. Foto: Wochenblatt.pl   Kranzniederlegung auf dem Friedhof auf dem St. Annaberg / Złożenie kwiatów na cmentarzu parafialnym na Górze Św. Anny. Foto: Wochenblatt.pl   Kranzniederlegung auf dem Friedhof auf dem St. Annaberg / Złożenie kwiatów na cmentarzu parafialnym na Górze Św. Anny. Foto: Bernard Gaida  Kranzniederlegung auf dem Friedhof auf dem St. Annaberg / Złożenie kwiatów na cmentarzu parafialnym na Górze Św. Anny. Foto: Bernard Gaida

Blumen wurden vom Vorsitzenden des VdG, Bernard Gaida, dem Sejmabgeordneten Ryszard Galla und von den Abgeordneten des Sejmik der Woiwodschaft Oppeln vom Klub der deutschen Minderheit, Edyta Gola und Roman Kolek niedergelegt. Bernard Gaida gedachte der Gefallenen mit den Worten: "Als Vertreter der deutschen Minderheit 100 Jahre nach den Kämpfen des dritten polnischen Aufstandes in Oberschlesien wollen wir zeigen, dass wir - trotz Unterschiede im historischen Bewusstsein - dazu reif geworden sind, um alle Gefallenen zu gedenken und für sie alle zu beten. Das erwarten wir auch von unseren Nachbarn und Vertretern des Staates."

Auch die Resolution der VdG-Delegiertenversammlung aus dem Jahre 2019, in der ein würdiges Gedenken an die Opfer beider Seiten des Konflikts gefordert wurde, wurde in Erinnerung gerufen: "Das Jahrhundert, das seit dem Ende dieses Konfliktes vergangen ist, schafft eine Distanz, die es uns ermöglicht, das Leid der Menschen auf beiden Seiten zu sehen. Der Dialog in Schlesien ist notwendig, denn polnische Staatsbürger polnischer und deutscher Staatsangehörigkeit leben immer noch in Schlesien."

Um 10:00 Uhr dagegen, unter Beteiligung des Präsidenten Polens, Andrzej Duda, begannen mit einer feierlichen Messe die offiziellen Feierlichkeiten in der Basilika auf dem St. Annaberg. Die Worte von Bischof Andrzej Czaja zu Beginn der Messe waren eine Art Antwort auf die Beschlüsse der VdG-Delegiertenversammlung:

"Historische Erinnerung an diese Ereignisse, die in Polen und Deutschland lebendig ist, lebt besonders hier in Oberschlesien in den Herzen der Menschen, die hier wohnen. Etwas anders, vielfältig in den Herzen der polnischen Mehrheit, der deutschen Minderheit und noch anders in den Herzen der Einheimischen. Vor dem Ersten Weltkrieg lebten ihre Vorfahren hier nebenan zusammen, als Bewohner der Region, die ihre propolnischen oder prodeutschen Sympathien hatten. Sie waren oft zweisprachig und als Menschen der Grenzregion an die Vielfalt gewohnt. Aufgrund der Volksabstimmung standen sie zum ersten Mal in der Geschichte dieses Landes vor einer schwierigen Aufgabe, sich für Polen oder Deutschland einzusetzen. Die Propagandamaschinerie begann, viele wurden damals in der europäischen Politik eingeprägt und schließlich in einen bewaffneten Konflikt verwickelt, der viele menschliche Tragödien mit sich brachte. (...) Ich spreche davon, um eine größere Sensibilität für die Erinnerung an jene Tage zu wecken und die Absichten unseres gemeinsamen Gebets darzulegen. Alle, die vor hundert Jahren gekämpft haben, waren von der Richtigkeit ihrer Wahl und ihres Engagements überzeugt. Es ist daher notwendig, für alle Gefallenen zu beten - für diejenigen, denen das Denkmal für die Aufstände in Oberschlesien gedenkt, und für diejenigen, denen früher durch das Mausoleum gedacht wurde, das kurz nach dem Zweiten Weltkrieg auf dem St. Annaberg zerstört wurde. Auch für die gefallenen Soldaten der alliierten Truppen, die damals hier stationiert waren, um den Frieden zu wahren."

In seiner Rede am Denkmal für die Aufstände in Oberschlesien auf dem St. Annaberg betonte Präsident Andrzej Duda, dass "diese Feierlichkeiten ein wichtiger Teil des 100. Jahrestages der Wiedererlangung der Unabhängigkeit Polens sind". Weiter, laut der aktuellen historischen Erzählung, sagte er: "Es war notwendig, auch Oberschlesien wiederzugewinnen. Und das nicht in einem, sondern in zwei Aufständen, sodass das Land, auf dem die Menschen, die Polnisch und in schlesischer Mundart sprachen, Teil der wiedergeborenen Republik Polens werden konnte. (...) Es war nicht einfach, denn auch Pommern kehrte nach Polen zurück. Es war nicht einfach, denn all dies war notwendig, damit Polen existierte und sich weiterentwickeln konnte - nicht nur aus sozialen, sondern auch aus wirtschaftlichen, ökonomischen Gründen. Und gerade Oberschlesien war in dieser Hinsicht absolut grundlegend."

Weiter erinnerte der Präsident an die Opfer des Aufstandskampfes: "Heute ehre ich den schlesischen Aufständischen: die Jungen aus schlesischen Städtchen, aus schlesischen Familien, aus schlesischen Bauernhäusern, aus schlesischen Häusern, die für Polen und nach Polen gegangen sind, die von Polen geträumt haben und die Oberschlesien für Polen wiedererlangt haben. Und oft haben sie dafür mit Blut und sogar Leben gezahlt. Eine ewige Erinnerung an alle Gefallenen, eine ewige Erinnerung an alle, die gestorben sind, an alle, die auf dieser Erde ruhen."

In Andrzej Dudas Worten gab es am Ende der Rede aber auch Worte, die an die deutsche Minderheit gerichtet waren: "Heute sind wir nicht nur alle zusammen in Polen, Menschen mit ganz unterschiedlichen Wurzeln - diejenigen, die seit Generationen polnischer Herkunft sind, diejenigen polnisch-deutscher Herkunft sowie diejenigen, die noch auf dieser Erde leben und deutsche Herkunft haben. Sie sind auch heute unter uns. Wir alle leben in Polen, einem freien, unabhängigen, demokratischen Staat, in der Europäischen Union, in dem wir einander respektieren und ihre Rechte achten."*

Nach dem Besuch auf dem St. Annaberg ehrte Bernard Gaida auch die deutschen Verteidiger Oberschlesiens in Kranowitz in Schlesien und legte während der vom DFK Schlesien organisierten Gedenkfeier Blumen unter das Denkmal der Gefallenen.

Denkmal für die gefallenen Aufständischen in Kranowitz / Pomnik poległych powstańców w Krzanowicach. Foto: Bernard Gaida.  B  Denkmal für die gefallenen Aufständischen in Kranowitz / Pomnik poległych powstańców w Krzanowicach. Foto: Bernard Gaida.

"Wir wollen den Jahrestag dieser Tragödie eher gerecht feiern. Deshalb danke ich Bischof Andrzej Czaja, der in seiner Rede gesagt hat, was wir als deutsche Minderheit erwartet hätten", kommentierte die Feierlichkeiten Sejmabgeordneter Ryszard Galla. "Seine Worte, die den Wunsch zum Ausdruck bringen, einen gemeinsamen Ort des Gedenkens zu schaffen, werden für uns eine führende Stimme für die Zukunft sein", betonte er.

"Ich habe die Rede von Präsident Komorowski vor zehn Jahren gehört, und mir fehlt etwas", kommentiert die Worte des Präsidenten Bernard Gaida. "In der Rede des derzeitigen Präsidenten fehlte ein Hinweis auf die Idee und den Wert der gegenwärtigen polnisch-deutschen Aussöhnung, es gab keinen europäischen Akzent. Sowohl in der Rede als auch in der Dekoration, denn das Fehlen von Flaggen der Europäischen Union war auffällig. Aber auch wenn nur wenige Themen aus unserer Resolution angesprochen wurden, gab es in der Rede des Präsidenten zwei wichtige Elemente: die Worte über das gemeinsame Gebet und die Tatsache, dass wir auf dieser Erde zusammenleben. Verglichen mit der Erklärung des Präsidenten von Oppeln als Reaktion auf das Appel der deutschen Minderheit in Oppeln, beide Seiten des Konflikts zu gedenken, war es in der Tat eine Erklärung mit einer viel breiteren Perspektive, auch wenn diese weit von der Ansicht von Bischof Czaja entfernt war. Es ist nur schade, dass nur in Bezug auf das Gebet für alle Toten, aber nicht mehr im Zusammenhang mit dem Recht auf andere als nur propolnische Haltungen vor 100 Jahren. Aber ich hatte den Eindruck, dass unser Brief und unsere Resolution, und insbesondere die Begrüßung des Bischofs Czaja, den Versuch beeinflusst hatten, die Erwartung zu berücksichtigen, die multinationale Region zu verstehen, die auch die Ereignisse von 1921 anders bewertet. Aus der Sicht der Minderheiten waren die Worte des Bischofs, in denen er  für uns so wichtige Inhalte wiederholte, am wichtigsten. Darüber bin ich sehr froh.

Doch die ganze Feier: Die Worte aus der Messe und am Denkmal zeigen, dass langsam - wenn auch zu langsam - die Wahrheit durchbricht, dass das, was aus polnischer Sicht ein Sieg war, für die Bewohner Schlesiens oft eine Tragödie mehrerer Spaltungen war, die nach den Worten des Papstes eine vielseitige Aussöhnung brauchen", schließt Bernard Gaida.

*Vollen Inhalt der Rede des Präsidenten kann man HIER hören.

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"Gänzlich ein Schlesier, gänzlich ein Deutscher" - zum 233. Geburtstag von Joseph von Eichendorff

Am vergangenen Sonntag fand im Oberschlesischen Kultur- und Begegnungszentrum von Joseph von Eichendorff in Lubowitz eine Gedenkfeier anlässlich des 233. Geburtstags des Dichters. Die Veranstaltung begleitete ein Konzert und ein gelegentlicher Vortrag des Vorsitzenden des Verbandes der deutschen sozial-kulturellen Gesellschaften in Polen, Bernard Gaida. Wir empfehlen, einen Videobericht aus der Veranstaltung zu verfolgen und sich mit dem Inhalt des Vortrags vertraut zu machen (Video unten). Die Auszüge aus dem Vortrag präsentieren wir hier:

Ich möchte meine Rede in den Worten des deutschen Denkers Wilhelm von Humboldt verankern. (...) Er war es, der mit erstaunlicher Präzision sagte: "Die wahre Heimat ist eigentlich die Sprache. Sie bestimmt die Sehnsucht danach, und die Entfernung vom Heimischen geht immer durch die Sprache am schnellsten." – Waren diese Worte für uns in Schlesien nicht prophetisch? Ist das nicht das, womit wir zu tun haben? Sollten wir nicht ständig darüber reden, zu Hause, in Familien? Hat die Verleugnung der deutschen Sprache aus dem schlesischen Raum ihr die wesentlichen Attribute der Heimat für uns entzogen? Lässt sich der Massenexodus der Schlesier nach Deutschland nur auf die Wirtschaft reduzieren? Oder wegen der Plünderung eines wichtigen Teils des schlesischen Erbes, der auf der Sprache gewachsen war, führte Humboldt zu dem, was er "Entfernung vom Heimischen" nannte.

(...) Ich werde indirekt zu Eichendorff gehen, und zwar dazu, wie mit seiner Person - im Grunde genommen zu den ideologischen Zwecken - manipuliert wurde. Nun, als ich darüber nachgedacht habe, die Herausforderung anzunehmen, die mir Paul Ryborz [Leiter des Oberschlesischen Eichendorff-Kultur- und Bildungszentrums in Lubowitz] stellte, fand ich auf Facebook auf einer der Hunderten von Seiten der oberschlesischen Herkunft, hier so geschätzt, das Ratiborer Bild eines jungen Eichendorff sitzend auf einem Eichenstamm, aus dessen Mund eine Sprechblase mit [angeblichen] Worten [des Dichters] erscheint: „Moi rostomili, mimo co Niemce godajum, co jo je niemiecki poeta jo zowdy godou co żech je Ślunzok ino żech pisoł po niemiecku!” [ "Meine Lieben, trotz dem, was die Deutschen sagen, dass ich ein deutscher Dichter bin, habe ich doch seit eher gesagt: Ich bin Schlesier, ich schreibe nur auf Deutsch!" ]

(...) Wir leben in einer Zeit der ungestraften Entbehrung vieler und Missachtung wichtiger Dinge. In Schlesien tragen wir nach Jahrzehnten des Kampfes gegen alles Deutsche bis heute dessen Folgen. (...) In diesem "wahrscheinlichen Zitat" von Eichendorff bestätigt er nicht so viel sein Schlesiertum, sondern er bestreitet eher sein Deutschtum. Das aber ist die Annahme vieler der heutigen Schlesier (...). Nach Jahrzehnten des Auslöschens von allem, was Deutsch ist, was in den Lehrprogrammen immer noch sichtbar ist, befinden wir uns in einer neuen Gefahr: dass die deutsche Kultur oder Geschichte zurückkehren werden, aber dass wir nach Jahren der Entdeutschung Schlesiens durch die Dominanz des einzig legitimen Polentums paradoxerweise einer weiteren Entdeutschung ausgesetzt werden: indem das Deutschtum den Menschen und ihren Werken verweigert wird. Und zwar von Menschen, die über frühere Handlungen des Staates empört waren. (...) Daher muss dieses Reichtum und diese weite Sichtweise zugunsten Schlesiens wieder aufgebaut werden.

Zu diesem Reichtum gehören Eichendorff, Hauptmann und schlesische Nobelpreisträger; aber solange, wie wir in unserer Mentalität zulassen, dass sie das sind, was sie waren: sowohl Deutsche als auch Schlesier. Wenn wir sie lediglich auf Schlesien reduzieren und sie als "deutschsprachige" Künstler aus Schlesien anfangen zu bezeichnen, werden wir auch Schlesien verarmen lassen. Aber ohne sie gibt es keine schlesische Identität, denn ohne ihren Multikulturalismus, ohne Mehrsprachigkeit, ohne Deutschsein und hier im Süden ohne mährische Fäden, wird sie nicht schlesisch sein. Eichendorff war authentisch: schlesisch und deutsch zugleich.

(...) Unser Dichter war gänzlich ein Schlesier und gänzlich ein Deutscher. Und es geht hier nicht um die deutsche Staatlichkeit. Denn nur mit einem solchen Eichendorff, mit einem solchen Hauptmann und mit einem solchen Angelus Silesius wird die schlesische Identität vollständig sein und wird sie imstande sein, für viele Generationen zu überleben.

Lernen wir solches Schlesiertum von ihnen: offen, breit, zukunftsweisend. Und lassen wir es nicht eingrenzen, was sie sehr breit empfunden haben, indem sie sich genauso in Schlesien wie in Halle oder Königsberg zu Hause gefühlt haben.

Schlesien muss endlich jeden akzeptieren wie er war oder wie es ist, und nicht wieder die Identität eines Menschen ändern, auch wenn in eine andere Richtung. Schlesiertum und Deutschtum sind sehr offene Begriffe, also lassen Sie mich akzeptiert werden, wenn ich sage, dass ich kein deutscher Schlesier oder kein schlesischer Deutscher bin. Denn ich bin zu hundert Prozent das eine und zugleich zu hundert Prozent das andere. Und wenn Janosch sagt, dass er "weder Deutscher noch Pole ist und schon gar nicht Oberschlesier", dann drängen wir ihm nichts auf. Auch wenn er andermal etwas anderes gesagt hat. Denn dieses reiche Schlesien ist reich daran, dass jeder hier das Recht hatte, anders zu sein. Und so respektiert zu sein, wie er war.

So indem wir uns um den richtigen Platz des Deutschtums in uns selbst kümmern werden, werden wir auch uns um seinen Platz in Schlesien zwischen den anderen kümmern. Das heißt um das wirkliche Schlesien, das der Dichter mit den Worten einschloss:   

"So lass uns unser Deutschland denn umstellen,
Bewachend brüderlich in treuen Hut,
Mit Lehren, Rat und Sang die Herzen schwellen,
Das sie bewahren rein die heil'ge Glut,
Den Ernst, den sie erkämpft in Bluteswellen,
Der Ehre Hort, Eintracht und freudigen Mut!"

„Ich habe keine Angst“

Als was fühlen Sie sich: ein Deutscher, ein Schlesier, ein Pole, ein deutscher Schlesier?

Ich mag den adjektivischen Begriff nicht. Ich fühle mich zu 100 Prozent als Deutscher und natürlich bin ich auch zu 100 Prozent ein Schlesier. Für mich sind das komplementäre Begriffe, die sich nicht gegenseitig ausschließen! (...)

Was bedeutet es für Sie, Deutscher zu sein?

Ein Deutscher in Polen zu sein ist anders als ein Deutscher in Deutschland. In Deutschland lebt man, trotz der allgegenwärtigen Multikulturalität, von Deutschtum umgeben. Dieses ist wie Luft, man denkt nicht darüber nach, solange man es nicht vermisst. Die Deutschen in Polen sind in einer anderen Situation. Um das Deutschtum um uns herum zu haben, müssen wir es organisieren, zum Beispiel indem wir den Fernseher auf ein deutsches Programm umstellen. Wir müssen uns auch mal die Mühe machen, ein deutsches Buch zu kaufen oder eine CD mit deutscher Musik aufzulegen, die ich normalerweise kaufe, wenn ich in Deutschland bin. Für mich bedeutet das Deutschsein in Polen also eine gewisse Anstrengung, weshalb ich gerne den polnischen messianischen Philosophen Karol Libelt zitiere, der einmal schrieb: „Einmal gewählt, muss ich jeden Tag eine Wahl treffen“. Vielleicht hat es Goethe im „Faust“ noch besser ausgedrückt: „Was du ererbt von deinen Vätern hast, erwirb es, um es zu besitzen“. Das bedeutet, dass es nicht so ist, dass das Erbe, das wir in unserer Jugend von unseren Eltern erhalten haben, für immer in uns bleibt. Wenn wir es erhalten wollen, müssen wir uns bemühen, ihm etwas zu geben, wovon es zehren kann. Deshalb ist es mir wichtig, was ich lese, sehe und höre.

Sie haben einmal gesagt, dass man auch versuchen sollte, so viel wie möglich Deutsch zu sprechen. Warum so viel wie möglich?

Weil die Fähigkeiten der verschiedenen Generationen sich in dieser Hinsicht deutlich voneinander unterscheiden. Um die Fähigkeit zu erwerben, sich in der deutschen Sprache zu verständigen, braucht man aber auch den oben erwähnten Aufwand – und das habe ich getan. Ich habe das für mich getan und nachdem ich eine Familie hatte, habe ich versucht, das in meiner Familie zu tun. Dabei gehöre ich ja zu der Generation, die in der Schule keine einzige Deutschstunde haben konnte. Natürlich kann ich nicht sagen, dass ich nur Deutsch gesprochen habe, aber in meiner Familie, auch dank meiner Großeltern, gab es viel davon, durch Geschichten, die den Kindern auf Deutsch vorgelesen wurden, Bücher, Schallplatten, deutsches Fernsehen, einfache Gespräche mit den Kindern, Radiohören auf Deutsch. Das Ergebnis ist, dass meine drei Söhne heute perfekt Deutsch sprechen und den Gedanken der zweisprachigen Erziehung auf ihre Familien übertragen haben. Das gibt mir die Hoffnung, dass die nächste Generation zweisprachig sein wird und sich der deutschen Kultur stark zugehörig fühlt!

Allerdings ist es nicht einfach, in Polen Deutscher zu sein. Lohnt es sich, sich zum Deutschsein zu bekennen?

Ich bin kein Opportunist. Ein Opportunist verheimlicht seine Herkunft, wenn er auf der Straße oder in einem Geschäft merkt, dass eine Person, die Deutsch spricht, mit feindseligen Augen angeschaut wird. Ein Opportunist wird auch sein Deutschsein verbergen, wenn er z. B. beleidigende Kommentare in einem Internetforum oder auf Facebook Angriffe auf Deutsche sieht, weil er dann Angst hat. Ich habe keine Angst! Ich habe meine Rechte. Heute, im Gegensatz zurzeit der Volksrepublik Polen, ist es für uns einfacher, denn dank der Demokratie und der Zugehörigkeit zur EU fühlen wir uns durch das europäische Recht und die Sitten unterstützt. Die EU basiert auf dem Prinzip der kooperierenden Vielfalt. Deshalb gibt uns dieses Recht auch die Freiheit, uns zu bekennen. Aber es zwingt uns nicht dazu. Das Bekenntnis ist unsere eigene Entscheidung! Wenn ich in Wahrheit mit meinem Deutschsein zu mir selbst stehe, sollte ich mit der gleichen Wahrheit auch zu anderen stehen.

Die Volkszählung ist nun eine perfekte Gelegenheit.

Ganz genau. Und es ist ein Test der eigenen Wahrheit durch jeden von uns persönlich. Deshalb schreiben wir auf unseren Flyer: „Du zählst!“. Damit lenken wir die Aufmerksamkeit darauf, dass Du ganz konkret zählst – Du, nicht irgendeine Masse. Es hängt nun von Dir ab, wie Du dich definierst. (...)

Mit Bernard Gaida, dem Vorsitzenden des Verbandes der deutschen sozial-kulturellen Gesellschaften in Polen und Chef der AGDM in Europa, sprach Krzysztof Świerc.

Voller Inhalt des Gespräches: Wochenblatt.pl

Deutsch von zwei Seiten

Als ich mich an diese Kolumne einen Tag nach dem von der UNESCO initiierten Tag der Muttersprache machte, schaute ich auf den Facebook-Verlauf der vergangenen Tage. Wir haben uns mit dem Stand des Deutschunterrichts als Muttersprache beschäftigt, die ja Trägerin der Identität ist. Der Grund dafür war zu wiederholen, dass so lange Zeit nach der von Polen ratifizierten Europäischen Charta der Regional- oder Minderheitensprachen im Jahr 2009 die Regierung keinen ambitionierten Plan zur Gründung von Schulen mit Deutsch als Unterrichtssprache hatte und es auch in den weiteren Jahren keine Spur solcher Initiativen gab. Vor dem Hintergrund jahrelanger Vernachlässigungen in diesem Bereich „verdammt“ die Ablehnung der Europäischen Bürgerinitiative Minority SafePack die nationalen Minderheiten in Polen und einigen anderen Ländern zum weiteren Stillstand.

Doch es ist auf der anderen Seite schwierig, die jetzige Situation der deutschen Sprache mit der Zeit der Volksrepublik Polen zu vergleichen, als das Lehren und Lernen und sogar der Gebrauch der deutschen Sprache in Schlesien verboten gewesen ist, gleichzeitig in anderen Teilen des Landes in den Oberschulen der Deutschunterricht bevorzugt wurde… mehr noch als das Englische. Wir haben gezeigt, dass es trotz fehlender Schulen mit Deutsch als Unterrichtsprache junge Menschen gibt, die trotz weniger Deutschstunden wöchentlich, diese Sprache gebrauchen können, was gut im Videobeitrag des Wochenblatt.pl über Julia Chrobok zu sehen ist. Gesprochen und… gesungen. Das hängt also von der individuellen Liebe zur deutschen Sprache. In dieser Zeitung wurde auch die unverständliche Situation im Innenministeriums beschrieben, wo es zu Verzögerungen bei der Bearbeitung von Anträgen von vier Gemeinden auf zweisprachige, deutsch-polnische Ortsschilder kommt. Gut, dass die Zeitung daran erinnert nach dem kuriosen Angriff des Abgeordneten (aber nicht mehr Staatssekretär) Janusz Kowalski auf zweisprachige Schilder an den Bahnstationen in der Gemeinde Chronstau.

Ist also die Situation der deutschen Sprache in einem Land, das internationale Abkommen zum Schutz nationaler Minderheiten und deren Sprache ratifiziert hatte, gut? Ich denke, es liegt noch ein weiter Weg zur Zufriedenheit vor uns, wenn bei den Feierlichkeiten am Samstag in Laband zum Gedenken der Deportationen der Deutschen aus Schlesien zur Zwangsarbeit in die Sowjetunion bei der zweisprachigen Messe während der Predigt jemand laut ruft, dass hier Polen sei und man nur auf Polnisch beten dürfe. Mein Medikament gegen schlechtes Befinden nach dieser Situation war ein Gespräch mit einem jungen, engagierten und sehr gut deutsch sprechenden Mitglied der Minderheit aus Rybnik, aber auch … mit meiner eigenen Enkelin. Sie hörte dem Opa zu, als er davon erzählte, dass Guttentag früher in Deutschland lag und hier alle einmal Deutsch gesprochen haben und antwortete nach einer kurzen Überlegung: „Ah… Deshalb spreche auch ich Deutsch“.

Bernard Gaida

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