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Hier durften wir bleiben

V.l. Prof. Krzysztof Woźniak und Joanna Wańkowska-Sobiesiak R. Urban V.l. Prof. Krzysztof Woźniak und Joanna Wańkowska-Sobiesiak

Das Leben der Deutschen im Nachkriegspolen stand im Mittelpunkt der Vorträge und Diskussionen während einer Konferenz des Verbandes deutscher Gesellschaften, die am vergangenen Wochenende auf dem St. Annaberg stattgefunden hat. Neben Referenten aus Schlesien sprachen auch Wissenschaftler und Publizisten aus anderen Regionen über das Schicksal der dortigen Deutschen.

Viele Geschichten und Fakten über das Leben der Deutschen im Nachkriegspolen ähneln sich. Es macht dabei kaum einen Unterschied, ob es sich um eine Person aus einem oberschlesischen Dorf oder einer masurischen Stadt handelt. Wer als Deutscher nicht geflohen war oder vertrieben wurde, sondern in seiner Heimat geblieben war, musste sich in den folgenden Jahren nicht nur mit einem Leben in einem neuen Staat arrangieren, sondern auch manch Verfolgung und Diskriminierung über sich ergehen lassen.

„Zum einen war es das Warten auf Familienmitglieder, die aus dem Krieg noch nicht gekommen waren. Dann waren es die Gräber, die Friedhöfe, also die Ahnen, die man nicht zurücklassen wollte. Und schließlich ging es auch um den eigenen Besitz, den man sich über Jahre aufgebaut hatte. Emma Wlocki, eine Frau, die ich in einem meiner Bücher beschreibe, sagte mir dazu: ‚Also musste ich diese Leibeigenschaft annehmen, um auf meinem Hof bleiben zu können‘“.

Lodscher Deutsche

Die, die geblieben sind, die Folter, Gewalt und später Diskriminierung erlebt haben, waren dabei doppelt Opfer, denn sie litten als Deutsche, vor allem aber stellvertretend für die eigentlichen deutschen Verbrecher. So sah es z.B. im Fall der Deutschen in Lodsch aus. „Die Stadt galt als deutsche Sprachinsel mitten in Polen – und das war sie auch. Die dortigen Deutschen, die im Zuge der Industrialisierung im 19. Jahrhundert in die Stadt und Umgebung kamen, bewahrten ihre Kultur und Sprache, obwohl sie seitdem keinen direkte Verbindung mit Deutschland hatten und mitten unter Polen und Juden lebten. Erst während der Besatzung im II. Weltkrieg kamen Deutsche aus dem Reichsgebiet nach Lodsch, um leitende Positionen zu übernehmen. Und sie waren es vor allem, die sich der Verbrechen an Polen und Juden schuldig gemacht haben. Dafür haben aber dann nach dem Kriegsende die alteingesessenen Deutschen in Lodsch gelitten“, sagt Dr. habil. Krzysztof Woźniak von der dortigen Universität und nennt vor allem das bis 1950 bestehende Lager Sikawa, in dem ca. 30.000 Deutsche eingesperrt wurden, von denen 1080 namentlich bekannte Personen umgekommen sind.

Doch nicht nur Lager wie das in Sikawa oder die Arbeitslager in Oberschlesien wurden als tragische Kriegsfolge besprochen. Ebenso war es das Verbot der deutschen Sprache, deren Benutzung mit hohen Geldstrafen oder sogar Gefängnis belegt wurde sowie die Enteignungen und jahrelange Diskriminierung. Auch die Beobachtung durch die polnische Staatssicherheit (UB, später SB), die unter den in Polen lebenden Deutschen eine ständige Bedrohung durch den „westdeutschen Revisionismus“ suchte, forderte ihre Opfer.

Dr. habil. Arkadiusz Słabig, vom Geschichtsinstitut der Pommerschen Akademie in Stolp, referierte u.a. über zwei Deutsche in Stettin – Alfred Kipper und Eugen Scharbatke, die sich innerhalb der evangelischen Kirche mit Hilfe aus Deutschland für Bedürftige eingesetzt haben. Sie wurden letztendlich für Vergehen gegen die Volksrepublik Polen zu mehrjährigen Haftstrafen verurteilt.

Mehr auf: www.wochenblatt.pl

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Letzte Änderung am Freitag, 16 Oktober 2020 11:52